Fremdschämen? Nicht doch!

Manchmal frage ich mich, ob das so genannte “Web 2.0” nicht doch eine ziemliche Enttäuschung ist. Die Hoffnung auf ungebremste Aufklärung und um sich greifende Schwarmintelligenz scheint sich nicht so ohne weiteres zu erfüllen. Wenn ein neues Medium aufkommt, dann kann es zum Träger von Wahrheit und Weisheit werden, aber die muss man dann erst mal finden bei dem ganzen Schotter, der das Medium mit Sicherheit auch okkupiert.

Absolut trostlos ist es z.B., wenn etliche Leute ein so lustiges Instrument wie Twitter dazu nutzen, das zu kommentieren, was sie gerade im Fernsehen sehen. Da kommen dann solche Sesselfurzereien dabei heraus:
“Die geballte Kompetenz der Kernphysik bei #annewill – vor allem der peinliche Bischof Huber”
Der Twitterer hat offenbar zwei Aspekte nicht beachtet: 1. Als dezenter Mensch könnte man sein Fernsehverhalten durchaus für sich behalten. 2. Talkshows sind keine Orte des Expertendiskurses, sondern eben einfach nur eine ziemlich oberflächliche Abendgestaltung mit etwaigem politischen Anstrich. Daher ist es albern, von diesem Format gepflegte Diskussionen oder interessante Informationen zu erwarten, und es ist schließlich peinlich, sich zu beklagen, dass diese Erwartungshaltung nicht erfüllt wird.

Das Dilemma des Bloggers ist aber, dass man sowas gerne mal deutlich machen will, aber es ist eigentlich etwas so Naheliegendes, dass man befürchten muss, die Trivialitäten im Netz eher zu vermehren statt ihnen wirksam entgegenzuwirken. Es ist ja z.B. auch wenig originell, sich mit intellektuellem Dünkel über die ?BILD?, den ?Musikantenstadl? oder irgendwelche Daily Soaps zu amüsieren ? stattdessen sollte ein gebildeter Mensch sich Anspruchsvollerem widmen.

Das ist vergleichbar mit den möglichen Reaktionen auf die Guttenberg-Fans bzw. auch die weniger Enthusiastischen, die Guttenbergs Fehlverhalten in die moralische Kategorie des Falschparkens eingeordnet haben (so z.B. der oben zitierte Twitterer).
Muss man es wirklich noch sagen, wie bescheuert eine solche Einstellung ist, wie leistungs-, bildungs- und wissenschaftsfeindlich? Oder sollte man es nicht besser achselzuckend hinnehmen, dass es einen gewissen Bevölkerungsanteil gibt, der Leistung, Bildung und Wissenschaft sowieso für vernachlässigenswert hält und die Problematik daher niemals geistig durchdringen wird, und ansonsten darauf hoffen, dass der Vollzug geltenden Rechts unabhängig von sich im Netz artikulierenden Stimmungen das Gröbste bereinigt?
Regionen, in denen das Geistige entschieden zu kurz kommt, sind vielleicht besser zu meiden als dass man den vergeblichen Versuch unternimmt, sie zu kultivieren.

Den oben zitierten Twitterer habe ich neulich aus meinem sozialen Netzwerk bei Facebook entfernt, weil ich es nicht leiden kann, wenn mich kleinkarierte Nervhansel in ihr Klischee-Universum einordnen wollen. Ich war der dämlichen Sprüche über steinewerfende Grüne, die die Körperpflege vernachlässigen, einfach überdrüssig, zumal der Urheber wissen müsste, dass ich mich an Johannes 8,7 halte und er schon mal mehrere Stunden in meiner Nähe olfaktorisch überstanden hat. Aber der Mann unterliegt leider dem Missverständnis, dass Humor sich gerade darin beweise, keinen Kalauer wegzulassen. Muahahahaha!

Hier reicht eigentlich schon das Dokumentieren:
“+++Eilmeldung: Im Kontrollraum des AKW Brunsbüttel fiel ein Bleistift auf den Boden. Wird Hamburg evakuiert? #AKW”
Kommentar überflüssig. Wobei man sich schon fragen kann, ob das witzig sein soll oder unheimlich kritisch hinsichtlich der öffentlichen Debatte, denn in seinem Blog hat unser zitierter Niveaukönig schon mal eine klare Anweisung erteilt:

“Fremdschämen – und zwar sofort!”

Man merkt, dass der Mann gewohnt ist, mit Untergebenen zu sprechen…

Was gibt es denn zum Schämen?
Der Autor wählt die Variante des autobiographischen Einstiegs:
“Ich komme gerade von einem zweieinhalbwöchigen Israel-Urlaub zurück, bei dem ich auf eigene Faust das Land mit einem Mietwagen bereist habe.”
Wow, auf “eigene Faust”. Da liegt man vor Bewunderung schon platt auf dem Bauch! Der Mann weiß, wo es langgeht! Der kann uns erzählen, wo der Hammer hängt. Wir lauschen gespannt:
“Spätestens der Besuch in einem Drusendorf, in dem die Menschen unter wirklich unsäglichen Bedingungen leben, hat mich daran erinnert, auf welch hohem Niveau bei uns gejammert wird. Entsprechend schwer ist mir der Rückflug nach Nörgeldeutschland gefallen.”
Nörgeldeutschland! Das saß! Da legt mal einer so richtig den Finger in die Wunde! Boah!
(Ich frage mich nur, warum er bei der Gelegenheit nicht gleich mit zwei Gesetzestafeln vom Berg gestiegen ist, um uns hier mal Bescheid zu stoßen.)

Zurück in Deutschland muss der Autor sich über die Reaktionen auf die Naturkatastrophe in Japan aufregen:
“Wie reagiert Deutschland darauf? Nicht mit einer Welle der Hilfsbereitschaft für die Opfer, sondern mit einer wahlkampfgeschwängerten Grundsatzdiskussion über die Nutzung der Atomkraft in Deutschland.”
Hilfsbereitschaft geht bei manchen Leuten offenbar nicht ohne Welle, allerdings ist der Autor nach meinen Informationen immer noch nicht zum Hilfseinsatz nach Fukushima ausgerückt.

Dass der Mann für die “Grundsatzdiskussion” nicht qualifiziert wäre, dokumentiert er selbst, denn was in diesen Tagen in Fukushima geschieht, sind für ihn “schwere Störfälle in mehreren japanischen Kernkraftwerken, deren Reaktoren trotz der Tatsache, dass das Erdbeben die achtfache Intensität des maximal Erwarteten erreicht hat, nicht explodiert sind”.
Das ist wohl des Autors “geballte Kompetenz der Kernphysik” (siehe oben), dass er glaubt, dass Reaktoren ihre Sicherheit unter Beweis stellen, indem sie nicht explodieren, obwohl sie heftig durchgeschüttelt werden. Vom Versagen der Kühlung hat der Mann nichts gehört, und wahrscheinlich wird er sich auch noch bestätigt finden, wenn in diesen Tagen kein Atompilz über Japan zu sehen ist. Und wenn in den kommenden Jahren Godzilla nicht über Tokio herfällt, dann wird er das wahrscheinlich als Beweis dafür betrachten, dass es keine Langzeitfolgen der nuklearen Störfälle gibt.
Die blanke Infamie wird aber in so einer Formulierung deutlich: “Welche nukleare Folgen in Japan zu befürchten sind, weiß niemand vorherzusagen, auch wenn eine Kernschmelze in den deutschen Medien pausenlos herbeigebetet wird.” Wie krank im Kopf muss man eigentlich sein, um anderen so etwas zu unterstellen? Anscheinend gehört die Neigung zur Ferndiagnose zum Symptom, denn der Autor belehrt uns (wahrscheinlich auch einem kleinem interkulturellen Missverständnis unterliegend), dass “man in Japan gelassen und diszipliniert bleibt”. Warum hält er selbst sich dann nicht an dieses Vorbild?

Immerhin: “Selbstverständlich ist es richtig und wichtig, angesichts der Störfälle in Japan unsere Atompolitik neu zu überdenken”, gibt der Autor zu. Aber eben nicht jetzt. Und ob des schlechten Timings kommt er zu dem aufgesetzt pathetischen Schluss: “Ich schäme mich gerade ziemlich, ein Deutscher zu sein.”
Na, wenn er sonst nichts zum Schämen hat…

Es ist ja gerade Fastenzeit, da kann man schon mal damit anfangen, auf solchen Quatsch zu verzichten. Es ist nämlich Zeitverschwendung, sich mit den Ansichten von Leuten auseinanderzusetzen, die zwar über ein simples Weltbild verfügen, aber noch nie einen klaren Gedanken gefasst haben.

P.S.:
Deutsches Rotes Kreuz
Spendenkonto: 41 41 41
Bank für Sozialwirtschaft
BLZ: 370 205 00
Stichwort: Tsunami 2011

2 Kommentare zu „Fremdschämen? Nicht doch!“

  1. Sebastian Walter says:

    Kurze Anmerkung am Rande aus dem Urlab in Zürich: Nicht nur in Deutschland wird (durchaus zu Recht) die Gretchenfrage zur Kernkraft gestellt. Auch auf den wahlkampffreien Flecken dieser Erde…

  2. Stephan says:

    Ich bin den Aussführung von Herrn L. aus DD auch einige Zeit im Web 2.0 gefolgt und habe das dann auch schnell wieder sein lassen. Ich bilde mir ein, gegenüber Einfältigkeit recht tolerant zu sein. Aber Einfältigkeit gepaart mit Mitteilungsbedürfnis (und einem politischen Amt)…das macht””s wirklich unausstehlich.

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