Mahlzeit!

Das Sommerloch ist gerettet durch die Entdeckung deutscher Leitmedien, dass die GRÜNEN einen ‘Veggie Day’ fordern. Der politische Gegner kreischt was von ‘Verbot’ und verzagte ParteifreundInnen von mir finden die Tonlage auch etwas zu bevormundend…
Nun ja, tatsächlich steht im GRÜNEN Wahlprogramm, dass ein ‘Veggie Day’ Standard in öffentlichen (!) Kantinen werden soll. Da niemand verpflichtet wird, in öffentlichen Kantinen zu essen, kann von einem ‘Verbot’ schon mal nicht die Rede sein. Jeder Nutzer einer Kantine wird es schon mal erlebt haben, dass das Tagesangebot nichts für ihn war. Die innerlich Freieren unter uns gehen in solchen Fällen woanders essen, aber dazu sind deutsche Liberale offenbar schon mal nicht in der Lage.
Nun wissen wir ja, dass die größten Kritiker der Elche früher selber welche waren ? und Frischkonvertierte sind die größten Eiferer. Zumindest haben sie eine ganz besondere persönliche Sicht auf die Dinge ? so auch ich: Vor einem halben Jahr war ich noch selber Fleischesser, jetzt bin ich es nicht mehr. Und als Neuvegetarier scheint mir die Debatte vor allem viel über die Mentalität so einiger zeitgenössischer Allesfresser auszusagen.
Es ist nämlich schon mal erstaunlich, wieviele von ihnen man durch das Einstellen des Fleischgenusses zu irritieren vermag: WAAASSS??? DU ISST KEIN FLEISCH MEHR??? Und dann muss man sich natürlich rechtfertigen.
Nun denn, die Gründe sind freilich schnell genannt: Übermäßiger Fleischgenuss schadet dem Klima. Wenn ich damit aufhöre, verbessere ich also schon mal die Klimabilanz der Menschheit in den sogenannten entwickelten Ländern. Es ist auch ökologisch und ökonomisch schlicht BESCHEUERT, z.B. erstmal 1 Kilo Futtermittel und 1.500 Liter Wasser verbrauchen zu lassen, um einen Burger zu sich zu nehmen.
Klar, das alles würde statt einem Totalverzicht auch erstmal eine Reduzierung des Fleischkonsums rechtfertigen. Und eben darum geht es ja beim ‘Veggie Day’. Das Interessante ist aber, dass auch schon die Reduzierung als völlig unzumutbar angesehen wird. Mir erzählen auch ständig Leute, dass sie ‘ganz wenig’ Fleisch äßen ? aber wieviel ist wenig? Jedenfalls scheinen die Maßvollen nicht so sehr ins Gewicht zu fallen, wenn der Deutsche im Jahr durchschnittlich 60 Kilo Fleisch isst… Egal, für mich persönlich habe ich festgelegt, dass, wenn weniger mehr ist, das Nichts das Meiste sein muss. 😉
Wenn dann die Leute alle zu Anthropologen mutieren, um die schiere Notwendigkeit des Fleischkonsums zu behaupten, wird es sowieso absurd. Ich habe schon als Begründung gehört, dass der Mensch doch vom Affen abstamme… und mir dann die Schimpansen an der Currywurstbude vorgestellt (na gut, das war aber auch eine Diskussion zu vorgerückter Stunde). Oder im Mittelalter habe man doch wie blöde Fleisch gegessen! Nein, hat man nicht ? und da reden wir von schwer körperlich arbeitenden Menschen, für die 60 Kilo Fleisch im Jahr jenseits alles Vorstellbaren gewesen wären.
Natürlich gibt es einen weiteren ? ebenfalls ethischen ? Aspekt: Das Tier liegt ja nicht freiwillig auf dem Teller. Ich will das nicht abschließend moralphilosophisch beurteilen, aber erschwerend kommt hinzu, dass es weder an Altersschwäche gestorben ist, noch sich totgelacht hat. Gerade als Kantinengänger konnte ich ja nicht ausschließen, dass das, was ich da verspeiste, einen schmerzvollen Tod nach einem schmerzvollem Leben gehabt hatte. Und auch wenn es artgerechte Haltung gibt, bin ich mit dem Fleischverzicht erst mal auf der moralisch sicheren Seite ? das soll NICHT selbstgerecht sein, sondern vielmehr meine Unfähigkeit, eine ethische Rechtfertigung des Fleischkonsums zu formulieren, verdeutlichen. Wer kann sie mir formulieren?
Also, ich sage mal ganz vorsichtig, dass meine Verhaltensweise moralisch ganz okay ist. Damit habe ich ja noch niemanden verurteilt! Komischerweise scheinen sich viele Menschen aber schon durch meine veränderten Konsumgewohnheiten verurteilt zu fühlen… Tja, da sage ich mal: Nicht mein Problem!
Wenn ich vorschlage, etwas zu tun, was allem Augenschein nach moralisch richtig ist ? und WENIGER Fleisch aus Massentierhaltung zu verbrauchen, ist das auf jeden Fall ? dann ist das KEIN Moralismus. Vielmehr bricht sich bei denen, die auf so einen Vorschlag hysterisch reagieren, der Moralismus ihres schlechten Gewissens (für das ich nichts kann) Bahn. Ganz besonders deutlich wird das bei denjenigen Carnivoren, die mir auch noch vorwerfen, nicht konsequent genug zu sein ? denn man müsse eigentlich vegan sein, wenn man den Tieren kein Leid mehr antun wolle usw. Mal abgesehen davon, dass ich mir diese Konsequenz auch noch offenhalten kann, ist genau DAS Moralismus: Zu meinen, man dürfe gar nichts Gutes und Richtiges mehr tun, wenn man nicht auch bereit sei, frei von jeglicher Sünde zu leben… Dagegen steht der Pragmatismus, nach dem es schon mal gut ist, den Naturverbrauch und das Tierleid in der Welt erst mal wenigstens ein bisschen zu verringern.
ABER ich weiß auch, dass manche GRÜNE eine Neigung haben, zu glauben, zu wissen, was für andere gut sei. Das sehe ich auch kritisch. Ich bin für Nichtraucherschutz, auch für konsequenten…, aber wenn Menschen meinen, sich in finsteren Bierschwemmen die Lunge wegquarzen zu müssen, dann sollen sie das doch gerne tun, denn da sind Kinder, Schwangere und Familien ja nun wirklich nicht betroffen!
Beim Fleischkonsum ist es nur ein bisschen anders: Wir alle müssen in der Welt leben, in der Massentierhaltung sich klimatisch und ökologisch auswirkt ? und dann sind da eben noch die Tiere, die man nicht leben lässt. Das ist vielleicht kein Grund für Verbote, aber dass es ein Grundrecht auf täglichen Fleischgenuss in allen öffentlichen Kantinen gebe, halte ich auch für eine kühne Behauptung. Genauso willkürlich könnte ich behaupten, dass in jeder Kantine täglich ein Gericht mit Rosenkohl angeboten werden müsse, sonst sei nämlich meine Freiheit in Gefahr. Wenn der Gegner ehrlich wäre, würde er seine ‘Freiheitlichkeit’ auch so formulieren: Jede öffentliche Kantine müsste VERPFLICHTET sein, täglich Fleisch anzubieten.
Da fällt mir nur noch ein Stoßseufzer, bei dem ich es der geneigten Leserschaft überlasse, auf wen sie ihn bezieht:
‘Die armen Schweine!’

1 Kommentar zu „Mahlzeit!“

  1. Ralf Schweder says:

    so mag ich es. kein gelabber, sondern ein ehrlich, offenes, klares statement, dem ich nur beipflichten moechte.

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