Intern

Twitter ist doof: Man reagiert auf meinungstarke Twitter*innen, und wenn es eng wird, kommt die Feststellung “ich finde das nicht zielführend sowas in 140 Zeichen online zu diskutieren”. Tja!
Ich habe auf Twitter über Patriotismus diskutiert. Ich bin in einer Partei, in der manche meinen, dass das Land verbessert werden kann, indem man es beschimpft. Ich bin nicht dieser Ansicht. Ich glaube zwar nicht, dass wir Politiker*innen brauchen, die uns mehr Patriotismus verordnen wollen, ich finde es aber auch strategisch unklug, als Partei über Patriotismusbegriffe streiten zu wollen bzw. über jedes Stöckchen der Reaktion zu springen.
Wenn der sächsische Landtagspräsident über das Hissen von Fahnen und das Singen der Nationalhymne räsoniert, beweist das lediglich, dass er nichts Besseres zu tun hat. Von politischen Parteien sollte man aber erwarten, Besseres zu tun zu haben, denn es gibt in diesem Land Probleme zu lösen. Wer sich dafür nicht interessiert, kann freilich den Ball aufnehmen.
Dabei könnte man sich merken, dass es nicht Aufgabe der Politik ist, dafür zu sorgen, dass ein Mensch sein Dorf, seine Stadt, sein Land, seine Eltern, seine Kinder, seine*n Partner*in, seinen Gott, seinen Fußballverein oder wen oder was auch immer liebt. Dass es nicht die Aufgabe ist, heißt übrigens auch, dass es nicht im Wirkungsbereich demokratischer Politik liegt (in totalitären Systemen mag das anders aussehen). Das bedeutet aber auch, dass es ebenso nicht im Wirkungsbereich demokratischer Politik liegt, das GEGENTEIL zu bewirken, also den Menschen ihre Liebe zu wem oder was auch immer abzugewöhnen.
Es darf also bezweifelt werden, dass sich irgendetwas Bedeutendes daraus ergeben könnte, dass eine Partei verkünden lässt: “Es gibt keinen “guten” Patriotismus, denn jede Liebe zur eigenen Nation, bedeutet auch eine andere Nation abzuwerten.” Welche “eine andere” Nation hier gemeint ist, bleibt übrigens offen.
Das Problem scheint demnach die Liebe zu sein. Merke: Wer seine eigene Familie liebt, wertet damit alle anderen (oder “eine andere”?) ab. Dass ich eine Frau liebe, bedeutet natürlich, dass ich andere Frauen abwerte usw. usf.
Ich weiß nicht, welche Definition für Patriotismus die beste ist, aber ich halte die Unterscheidung vom Nationalismus schon allein deshalb für sinnvoll, weil man den Umstand nutzen sollte, dass uns zwei Begriffe zur Verfügung stehen – sonst könnte man einen von beiden ja einfach weglassen. Das bedeutet noch nicht, dass der eine positiv, der andere negativ konnotiert sein soll. Man kann beispielsweise auch “Hass” und “Verachtung” unterscheiden, wenn man Sprache als Möglichkeit, Unterschiede zu beschreiben, souverän nutzen möchte – das heißt ja nicht, das eine gut- und das anderes schlechtzuheißen.
Zum Genießen jetzt ein längeres Zitat: “Die geführte Debatte suggeriert, dass es eine Unterscheidung in Patriotismus und Nationalismus gäbe und beides voneinander zu trennen sei. Diese Zweiteilung in Patrioten und Nationalisten ist politisch motiviert. Sie dient dazu, Patriotismus als wünschenswerte Eigenschaft propagieren zu können. Das ist empirischer und wissenschaftlicher Unsinn. Bürger, die sich stark mit ihrem Land identifizieren, sind anfällig für intolerantes und ausländerfeindliches Gedankengut. Dies zeigt nicht zuletzt das abstoßende Gebaren von LEGIDA und PEGIDA sowie vielen anderen rechten Bewegungen in Sachsen.”
Nehmen wir das mal auseinander:
1) “Die geführte Debatte suggeriert, dass es eine Unterscheidung in [gemeint ist wohl “zwischen”] Patriotismus und Nationalismus gäbe [gemeint ist vielleicht “gebe”] und beides voneinander zu trennen sei.” Bemerkenswert, dass es die Debatte ist, die suggerieren soll, und nicht diejenigen, die sie führen! Das Problem: Es GIBT offensichtlich eine Unterscheidung! Der Sprecher will sie nur nicht akzeptieren. Also behauptet er einfach mal, dass es sie nicht gebe. Wie raffiniert!
2) “Diese Zweiteilung in Patrioten und Nationalisten ist politisch motiviert.” Es ist schon mal nicht richtig, aus der Unterscheidung eine “Zweiteilung” zu machen. Aber das ist eben der Kniff, aus denjenigen, die eine Differenzierung machen wollen, Ideolog*innen zu machen. Soviel zur Redlichkeit.
3) “Sie dient dazu, Patriotismus als wünschenswerte Eigenschaft propagieren zu können.” Sie dient vielleicht dem sächsischen Landtagspräsidenten dazu. Ich selbst mache die Unterscheidung, ohne die suggerierte “Zweiteilung” vorzunehmen. Hm, ich sage es mal so: Diese Unterscheidung dient mir erst mal zu gar nichts.
4) “Das ist empirischer und wissenschaftlicher Unsinn.” Naja, um eine “wissenschaftliche” Debatte ging es bislang nun aber gar nicht.
5) “Bürger, die sich stark mit ihrem Land identifizieren, sind anfällig für intolerantes und ausländerfeindliches Gedankengut. Dies zeigt nicht zuletzt das abstoßende Gebaren von LEGIDA und PEGIDA sowie vielen anderen rechten Bewegungen in Sachsen.” Gegenthese: Leute, die intolerant und ausländerfeindlich sind, behaupten “Patrioten” zu sein, um ihr abstoßendes Gebaren zu verbrämen. Bei LEGIDA und PEGIDA sind eben NICHT Leute unterwegs, die fragen, was sie für ihr Land tun können, statt zu fragen, was ihr Land für sie tun kann.
Ich habe jetzt mal Kennedy kolportiert, um eine Möglichkeit anzuführen, wie eine “patriotische” Haltung beschrieben werden kann. Man muss sich das nicht zu eigen machen. Man sollte aber auch nicht behaupten, einen Nachweis dafür in der Tasche zu haben, dass eine solche Beschreibung nicht zulässig ist.
Es ist eine ausgesprochen unpolitische Frage, wie glühend oder erkaltet die eigene Liebe zum eigenen Land ist, deshalb laufen politische Kampagnen in die eine oder in die andere Richtung dazu ins Leere. Politisch-strategisch ist es aber ein Fehler, Menschen, die einen positiven Bezug zum eigenen Land haben bzw. zu haben meinen, pauschal zu Nationalist*innen zu erklären. So spielt man letztlich dem Gegner von rechts (angefangen beim Rechtsaußenflügel der CDU) in die Hände. Wie schade, dass die sich für aufgeklärt Haltenden sich so auf dem Feld der Symbolpolitik besiegen lassen! Strategisch klüger wäre es gewesen, sich auf ein Feld, auf dem man nicht gewinnen kann, gar nicht erst zu begeben.
Was folgt? Die Twittervirtuos*innen werden Hooligans bei der EM konsequent mit dem Hashtag “Patriotimus” versehen und sich wiederholt bestätigt sehen. Die Hooligans wird es vielleicht freuen, dass ihnen somit unfreiwillig höhere Motive zugeschrieben werden. Die bittere Ironie liegt darin, dass der Begriff des Patrioten ins Gegenteil dessen verkehrt wird, was er mal bezeichnen sollte, als er in den Sprachgebrauch eingeführt – nämlich im Zuge der Aufklärung (man sehe sich das Beispiel der “Patriotischen Gesellschaft” in Hamburg an). Und wie bereits angedeutet: Keiner Lösung irgendeines Problems in diesem unserem Lande sind wir damit nähergekommen.

1 Kommentar zu „Intern“

  1. Fidel says:

    Danke!

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