Ausgerechnet Langlauf!

Wahrscheinlich mache ich mich bei manchen mit diesem Geständnis unbeliebt, aber ich muss zugeben, dass ich mich nicht sonderlich für Wintersport interessiere. Und beim Wintersport finde ich den Skisport besonders uninteressant, und beim Skisport ist der Langlauf die Kategorie, die mich dann wirklich am allerwenigsten interessiert. Vielleicht habe ich im letzten Jahr die Diskussion zum Ski-Weltcup in Dresden aus diesem Grunde nicht genügend beachtet. Jetzt stellt sich die Frage, ob man dieses Event so überhaupt hätte zulassen dürfen. Die GRÜNEN im Dresdner Stadtrat haben das Projekt mehrheitlich unterstützt. Das darf kritisch aufgearbeitet werden.

Tatsächlich hat der Dresdner Stadtrat am 23.03.2017 das Folgende beschlossen:

?1. Der Stadtrat beschließt, die Bereitstellung von 300.000 Euro zur Unterstützung der Ausrichtung des FIS Ski-Weltcups Dresden im Januar 2018.
2. Der Eigenbetrieb Sportstätten Dresden wird mit der formellen Abwicklung der Unterstützung beauftragt und stellt 50.000 Euro aus seinen Mitteln zur Verfügung.
3. Die zur Unterstützung des FIS Ski-Weltcups Dresden 2018 vom Eigenbetrieb Sportstätten Dresden noch zusätzlich benötigten 250.000 Euro werden aus dem Bereich des Oberbürgermeisters (Produkt 10.100.11.1.2.09 Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Kostenart 42910000 Aufwand sonst. Dienstleistungen Dritter) bereitgestellt.
4. Der Veranstalter wird verpflichtet, die im ?Leitfaden des Internationalen Ski Verbandes FiS” zu ?Green Events” so umzusetzen, dass die Veranstaltung nachhaltig und ohne Schäden für die Umwelt durchgeführt werden kann. Auf mögliche Probleme soll im Voraus hingewiesen werden. Nach Abschluss der Veranstaltung legt der Veranstalter dem Stadtrat eine Gesamtbilanz incl. Umweltbilanz vor.
5. Soweit für die Jahre 2019 ff. eine Förderung vorgesehen wird, sollen entsprechende Mittel des Stadtmarketing vorgesehen werden.? *

Wohlgemerkt: Hier ging es um die finanzielle Unterstützung der Veranstaltung, nicht um die Frage, ob sie zugelassen werden soll. Ich weiß nicht, ob die Verweigerung dieser Unterstützung das Aus der Veranstaltung (in Dresden) bedeutet hätte.

Der Punkt 4 in der Vorlage war meines Wissens für die GRÜNE Zustimmung ausschlaggebend. Einige Argumente sprachen für die Annahme, dass eine Durchführung in Dresden nicht ganz so unökologisch sein müsse, wie man das zunächst denken sollte: Die Produktion des Schnees am Flughafen ? und zwar mit Regenwasser ? was größere Transporte vermieden hätte; die kurzen Wege in der Stadt für Sportler*innen und Gäste mit der Möglichkeit, den ÖPNV zu nutzen; der Umstand, dass keine Flächenneuversiegelungen notwendig waren. Ob die ökologische Bilanz in klassischen Wintersportregionen soviel besser wäre, steht nicht ohne weiteres fest, denn auch dort ist der Einsatz von Kunstschnee die Regel ? und hier kommen Sportler*innen und Gäste in viel höherem Maße mit Autos zu den Veranstaltungsorten. Wenn man es also schafft, ein (im Vergleich) einigermaßen ?grünes? Event daraus zu machen, warum sollte Dresden dann nicht von der Aufmerksamkeit und dem damit verbundenen Tourismus profitieren? Bitte Punkt 4 der Beschlussvorlage beachten! Hier spielen wahrscheinlich noch mehr Details eine Rolle.

Wir haben das Thema im Dresdner Kreisverband von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN durchaus kontrovers diskutiert. In unserem parteieigenen Online-Magazin sind die Contra-Position und die Pro-Position formuliert worden.** Auch in unserer Mitgliederversammlung im Februar 2017 wurde dies diskutiert. Allerdings war der Diskussionsbedarf erst am Vortag durch den sportpolitischen Sprecher der Stadtratsfraktion angemeldet worden, so dass erstens in den fristgerechten Einladungen dazu nicht mehr darauf hingewiesen werden konnte und folgerichtig zweitens ein regulärer Beschluss der Mitgliedschaft vor der entscheidenden Stadtratssitzung nicht mehr möglich war (was Gründe gehabt haben mag, die jetzt nicht mehr wichtig sind). Insofern kann man sagen, dass wir darüber geredet und gestritten haben, aber keine demokratisch beschlossene Position des Kreisverbandes hatten. Also ist es die GRÜNE Stadtratsfraktion, die die strittige Entscheidung zu vertreten hat, wobei ich davon überzeugt bin, dass sie sich diese nicht leicht gemacht hat.

Ob die Heftigkeit mancher Angriffe gegen die Entscheidung tatsächlich gerechtfertigt war, muss die Bilanz der Veranstaltung zeigen ? insbesondere natürlich die Umweltbilanz. Zweifel sind schon jetzt angebracht, weil entgegen der ursprünglichen Planung doch Kunstschnee aus dem Erzgebirge herangekarrt werden musste (wenn ich es richtig verstanden habe, weil es der Ski-Verband gefordert hat).

Ich erwarte, dass die GRÜNE Stadtratsfraktion dieser Frage kritisch auf den Grund geht. Sollte demnächst die Frage, ob die Unterstützung des Ski-Weltcups in Dresden wiederholt wird, wieder im Stadtrat zur Abstimmung stehen, muss sie im Zweifelsfall zu einer anderen Entscheidung kommen.

Dass auch das Interesse der eigenen Stadt die Entscheidung einer Stadtratsfraktion leitet, sollte selbstverständlich sein. Den heimischen Tourismus zu fördern, ist ein sinnvolles Anliegen, wenn die Einnahmen der Stadt ganz wesentlich vom Tourismus abhängen. Insbesondere wenn man Geld braucht, um soziale und ökologische Projekte zu finanzieren. Wenn GRÜNE in anderen Regionen das Event lieber bei sich daheim sähen, können sie die Entscheidung natürlich ganz anders bewerten. Der landespolitische Blick (der Freistaat ist ja auch involviert) auf das Thema mag ein anderer sein. Sofern wir die Entscheidung als eine kommunalpolitische verstehen, nehme ich (Stadtvorstandssprecher des Kreisverbandes) die Dresdner Perspektive ein. Wie gesagt: Jetzt muss bilanziert werden. John Maynard Keynes soll gesagt haben: “Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung. Was tun Sie, Sir?”

Schließen möchte ich mit einer allgemeinen Anmerkung: In kritischen Äußerungen ist oft auch vom ?Machbarkeitswahn? die Rede. Diese Diskussion muss man führen, aber sie ist in meinen Augen keine kommunalpolitische. Wintersportereignisse sind in Zeiten des Klimawandels grundsätzlich problematisch, weil a) der Klimawandel die ?natürlichen? Voraussetzungen des Wintersports zerstört und b) der technische Ersatz für diese Voraussetzungen den Klimawandel als Ursache des Problems wiederum befördert. Ob Kompromisse sinnvoll sind, ist eine Frage, die endlos diskutiert werden kann und wird. Wenn wir feststellen, dass Wintersportereignisse woanders auch ökologisch problematisch sind (in den Bergen wie in den Städten) und die Verlagerung in die Städte im Trend liegt, ließe sich eine Durchführung in Dresden dann rechtfertigen, wenn der Nachweis erbracht wäre, dass sie hier weniger ökologisch schädlich gestaltet werden kann als anderswo. Ansonsten wäre eine Verweigerung ein Zeichen dagegen, den ?traditionellen? Rahmen des Wintersports zu verlassen, mehr aber auch nicht.

Anmerkungen:

* Die Vorlagen zum Beschluss findet man im Ratsinfo Dresden.

** Erst Contra, dann Pro.

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