Eine (sicherlich unbefriedigende) Antwort

Der Dresdner Blogger ?Stefanolix? twitterte neulich:
?Das Konzept ?gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit? wurde ursprünglich erdacht, um vom Linksextremismus abzulenken(?.).?
Darauf reagierte ich mit:
?Nette kleine Verschwörungstheorie?

Stefanolix antwortete: ?Nein. Erfahrung! Überall dort, wo die Extremismustheorie abgelehnt wird, tritt die GMF an ihre Stelle. Nur gibt es dann merkwürdigerweise nie Linke, die gegenüber Gruppen oder Menschen feindlich sind ;-)?
Dann ich so:
?Differente menschenfeindliche Einstellungen als “Extremismus” zusammenzufassen, ist nun mal wenig erkenntnisfördernd.?
Darauf hin wieder Stefanolix:
?Es sind wohl eher demokratiefeindliche Einstellungen und Aktionen. Folglich gibt es ja gemäß der Extremismustheorie auch unterschiedliche Ausprägungen.
Aber Sie können mir ja gern ein GMF-Beispiel zeigen, in dem Hass oder Gewalt von LINKS thematisiert wird ;-)?
Ich führte gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegen Juden oder Homosexuelle im Stalinismus bzw. ?real existierenden Sozialismus? an, aber das ließ Stefanolix nicht gelten, sondern fragte nach der Aktualität:
?Wenn links-motivierte Gewalt nicht extremistisch und nicht GMF ist: woraus entsteht sie dann??
Und:
?Mich würde einfach interessieren: Wo kommt in der GMF-Theorie oder in deren Anwendung in DE linke Hasskriminalität vor? Da Sie das Konzept ja präferieren, müssten Sie mir die Stellen doch zeigen können.?
Daraufhin habe ich eine ausführlichere Antwort versprochen. Hier ist sie:
Nun, es mag sein, dass diese Frage durch das GMF-Konzept tatsächlich nicht beantwortet werden kann, weil dies darin gar nicht versucht wird. Stefanolix deutet ja selber die Möglichkeit an, dass ?links-motivierte Gewalt? nicht GMF sein müsse. Wenn die Vertreter*innen des GMF-Konzepts jemals behauptet hätten, jede Form politischer Gewalt mit ihrem Ansatz erklären zu können, könnte man ihnen diese Leerstelle vorwerfen. Mir ist nicht bekannt, dass sie diese Behauptung aufgestellt hätten. Stefanolix unterstellt mir, dass ich das GMF-Konzept ?präferiere?. Das stimmt nur insoweit, als dass ich es für eher geeignet halte, bestimmte Ressentiments und Diskriminierungen zu beschreiben, als eine abstrahierende Theorie, die versucht, sie unter einem pauschalen Extremismusbegriff zu subsumieren. Das GMF-Konzept könnte geeignet sein, einen Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu beschreiben. Die Extremismustheorie hingegen erklärt entgegen den Behauptungen ihrer Vertreter gar nichts.
Meines Erachtens wird mit dem GMF-Konzept nichts weiter unternommen, als die Tatsache in den Blick zu nehmen, dass Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen abgewertet, ausgegrenzt, diskriminiert und auch angegriffen werden. Dabei wird nicht so getan, als habe jeder, der ein bestimmtes Ressentiment hegt, auch gleich ein politisches Konzept dazu. So bleibt die Realität erfassbar, dass man keinem politischen Extrem anhängen muss, um ein Ressentiment zu hegen, ja, dass man durchaus zur ?Mitte? gehören und trotzdem auf bestimmte Menschengruppen einen abwertenden Blick haben kann (was manche sich als Teil der Mitte Wähnende wohl nicht wahrhaben wollen).
Stefanolix? Fragestellungen scheinen mir die Auffassung zu widerspiegeln, dass Ressentiments und die dazu führenden Handlungsweisen in der Regel auf Ideologien basieren und die Ideologien somit die ?Erklärungen? für die Ressentiments sind. Wobei er insbesondere auf die Gewalt abhebt, die aber nur die äußerste Variante von verschiedenen Formen der Abwertung ist ? wer aber beispielsweise homophob ist oder was gegen Ausländer*innen hat, muss deswegen a) kein politischer ?Extremist? und b) nicht zwingend gewalttätig sein. Aber auch wer gewalttätig gegen z. B. Obdachlose oder Frauen wird, weil er sie als minderwertig ansieht oder empfindet, muss deswegen noch lange kein politisches ?Programm? haben. Im GMF-Konzept einen dezidierten Blick ?nach rechts? zu sehen, ist eine Schlussfolgerung, die scheinbar nahe liegt. Da rechtes Denken sich vom linken Denken darin unterscheidet, dass es die Ungleichheit der Menschen betont ? man kann das positiv deuten, dass es die jeweilige ?Würde? der ethnischen, nationalen oder gesellschaftlichen Gruppen hervorheben möchte ? können extreme (sic!) Varianten dieses Denkens auch die Ungleichwertigkeit der Gruppen behaupten, weshalb Menschen, die zur Abwertung anderer neigen, eher dazu neigen dürften, extrem rechte Politikansätze als ein attraktives Angebot wahrzunehmen. Aber man wird nicht zum Rassisten, indem man die NPD wählt, sondern Menschen wählen die NPD, weil sie Rassisten sind, und sie blieben es auch, wenn sie das aus irgendwelchen Gründen nicht mehr täten (z. B. weil es plötzlich eine andere rassistische Partei mit besseren Erfolgsaussichten gibt). Nun habe ich mich vielleicht nicht ganz so intensiv mit dem GMF-Konzept befasst wie Stefanolix, aber vor mir liegt gerade der Band ?Deutsche Zustände. Folge 4?, und in der grundlegenden Vorstellung des Ansatzes von Wilhelm Heitmeyer (S. 15-36) kommt der Begriff ?rechts? entweder ausgesprochen selten oder gar nicht vor (die weiteren Beiträge in diesem Band sind übrigens in meinen Augen von sehr unterschiedlicher Güte).
Die Behauptung meiner Präferenz für dieses Konzept würde ich auch ein wenig relativieren wollen: Ich sehe es als richtig an, die identifizierten gruppenbezogenen menschenfeindlichen Einstellungen jeweils für sich zu betrachten. Nur so kann man der Komplexität gerecht werden, die sich daraus ergibt, dass bei Individuen diese Einstellungen in einfacher Weise oder sehr verschiedenen Kombinationen gegeben sein können. Es wäre eben falsch, voreilig Muster zu behaupten! Allerdings bin ich zurückhaltend, wenn ein Survey auf dem Stellen bestimmter vorformulierter Fragen beruht, die im einzelnen möglicherweise sehr viel Raum für Interpretationen lassen. Ich habe bislang im GMF-Konzept auch keine echte Erklärung der Phänomene entdecken können, d. h. es stellt aus meiner Sicht das Offensichtliche fest (es gibt Abwertungen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen) und sortiert es, aber WARUM es sie gibt, wird eigentlich nicht gesagt. Man kann auch annehmen, dass in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung und der Zunahme prekärer Lebensverhältnisse menschenfeindliche Einstellungen an Dynamik gewinnen, aber das scheint mir manchmal doch in ein zu plattes ?Hartz 4 ist schuld? zu münden. Das GMF-Konzept ist aus meiner Sicht nicht der Weisheit letzter Schluss und man sollte es nicht überhöhen, aber noch weniger sollte man wie Stefanolix bestimmte politische Absichten hineingeheimnissen.
Ich greife Stefanolix´ Frage auf: ?Wenn links-motivierte Gewalt nicht extremistisch und nicht GMF ist: woraus entsteht sie dann?? Nun, das GMF-Konzept hilft ihm in DIESER Frage nicht weiter, was nicht dagegen spricht, es auf andere Fragen anzuwenden. Aber auch wenn wir die Frage allgemeiner nach ?POLITISCH motivierter? Gewalt stellen, stellen wir fest, dass uns die Extremismustheorie schon mal gar nicht weiterhilft. Natürlich gibt es Fälle, in denen Gewalt einem rationalen Kalkül folgt, nämlich dem, Macht zu erlangen. Wir haben es aber in unserer Gesellschaft aktuell NOCH mit Fällen zu tun, die diesem Kalkül nicht entsprechen ? der arme Wicht aus dem Pegida-Umfeld z. B., der Sprengsätze an einer Dresdner Moschee und am Kongresszentrum gelegt hat, hat wohl kaum sehr weit gedacht, und er durfte nicht annehmen, mit diesen Handlungen unmittelbar politische Ergebnisse zu erzielen. Wenn hier also ?Hass? eine Rolle gespielt haben sollte, sind vielleicht sozialpsychologische Ansätze zur Erklärung geeignet (man könnte an Adornos ?autoritären Charakter? oder Ähnliches denken), und dergleichen ist in der Extremismustheorie ja nun wirklich nicht zu finden! Die müssten ähnlich auch auf das Agieren verkrachter Existenzen, die Gewalt als emanzipatorischen Akt und somit radikal ?linke? Praxis darzustellen versuchen, angewandt werden. Mir scheinen die RAF-Terrorist*innen z. B. überwiegend schwer gestört gewesen zu sein. Andererseits erinnern mich Exzesse wie beim Hamburger G-20 eher an Hooliganismus, wie er im Fußballumfeld bekannt ist. Was Menschen treibt, die sowas machen, kann vielleicht die Psychologie beantworten. Die Extremismustheorie kann das ebensowenig wie ich leisten.
Die Extremismustheorie ist lediglich ein normatives Modell, mit dem mittels einer simplen Rechts-Links-Achse bestimmt werden soll, wer noch und wer nicht mehr als Demokrat*in zu gelten hat. Nun ist es aus einer Verfassungsschutzperspektive heraus plausibel, dass a) Gewalt als politisches Mittel und b) das Ziel der Abschaffung der Demokratie inakzeptabel sind, aber der analytische Wert dieser Feststellungen ist dann doch recht überschaubar. Mehr gäbe es dazu auch nicht zu sagen, das Erstaunliche ist, welche Wirkungen die Extremismustheorie noch so hat.
So vermittelt offenbar das Achsenmodell den Eindruck, dass der ?rechte? und der ?linke? Extremismus praktisch gleich große Probleme darstellen. Das führt dann zu einer Verhaltensweise, die man in der modernen Netzkultur wohl als ?Whataboutism? bezeichnet: Angesichts von 75 (BKA) bis 188 (Amadeu Antonio Stiftung) Menschen, die seit der Wende von rechten Gewalttätern umgebracht worden sind, angesichts der Tatsache, dass Dresden jahrelang Schauplatz des größten Nazi-Aufmarsches war, angesichts des Umstandes, dass der Nationalsozialistische Untergrund ohne Probleme agieren und zehn Menschen umbringen konnte, stellt früher oder später irgendjemand die Frage, was denn mit der ?linksextremistischen? Bedrohung sei, und wenn man diese als nicht mindestens ebenso groß wahrnimmt wie die Bedrohung von rechts, dann wird Verharmlosung unterstellt. 1922 gab es sicherlich auch Republikfeinde von links, aber Reichskanzler Joseph Wirth (Zentrum) besaß die Klarheit festzustellen: ?Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. ? Da steht der Feind ? und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!? Das war nicht einseitig, sondern eindeutig (und wurde durch die Geschichte bestätigt) ? den Unterschied kennen heute viele nicht mehr.
Ein anderes Problem: Es hat sich insbesondere in Sachsen auch die Haltung eingebürgert, dass das Entgegentreten gegen Nazis keine Aufgabe der Demokrat*innen sei, sondern man sich kopfschüttelnd darüber ärgert, dass ?Extremisten? verschiedener Couleur aufeinandertreffen. Wenn Du gegen Nazis demonstriert, wirst Du den ?Linken? zugeordnet ? die Kategorie ?Demokraten? ist bei vielen anscheinend unbekannt. Das ist in gewisser Weise verständlich, denn das Extremismusmodell ist ja keines, dass aktive Demokrat*innen vorsieht, sondern es propagiert eine Ordnung und identifiziert die ?Störer?.
Ich möchte allerdings betonen, dass diese ?Wirkungen? der Extremismustheorie nicht unbedingt ihren Schöpfern, denen ja schon lange Gleichsetzung und Verharmlosung vorgeworfen wird, sondern insbesondere den Rezipient*innen anzulasten sind. Sich bemüßigt zu fühlen, anderen das ?Verharmlosen? des jeweils anderen ?Extremismus? vorzuwerfen, ist möglicherweise eine Folge der Visualisierung der Extremismustheorie, in der eine breite demokratische Mitte, rechts und links von den schmalen Blöcken der ?Radikalen? und den Rändern der ?Extremisten? flankiert wird. Offenbar verführt das zu einem magischen Denken, in dem es ein jeweiliges Pendant zum linken oder rechten ?Extremismus? geben MUSS ? und zwar von gleicher Bedeutung. Dass von beiden eine gleich große Bedrohung ausgeht, bezweifle ich, wenn man unter Bedrohung die Fähigkeit versteht, das politische System zu stürzen ? das haben die Kommunisten (?Linksextremisten?) in Deutschland nicht aus eigener Kraft geschafft, den Nazis (?Rechtsextremisten?) ist das aber durchaus gelungen.
(Noch ein direkter Hinweis an Stefanolix: Die MLPD wird man in diesem Zusammenhang nicht nur als irrelevant, sondern auch als Sekte betrachten müssen ? und ich meine ?Sekte? durchaus im engeren Sinne, nämlich als einen Zusammenhang, in dem psychische Abhängigkeiten eine größere Rolle spielen dürften als politische Überzeugungen.)
Bei dieser Gelegenheit möchte ich darauf hinweisen, dass ich durchaus nicht zu den Leuten gehöre, die anderen gebieten, sich den Mund auszuwaschen, weil sie das Wort “Extremismus” darin geführt haben – siehe hier.
Das Konzept ?Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit? abzulehnen, weil es die Frage nach ?linker Gewalt? offenlässt, und deshalb die Extremismustheorie an seine Stelle setzen zu wollen, ist ungefähr so plausibel, wie offene Fragen in der modernen Physik zum Anlass zu nehmen, das ptolemäische Weltbild zu propagieren, weil das doch so schön übersichtlich ist. Diese Haltung verstellt den Blick auf die realen Vergiftungen des gesellschaftlichen Klimas.

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