Hier spricht der Inquisitor

Ich gebe es zu, ich habe nicht gegen Sarrazin demonstriert, als er in Dresden war.

Ich glaube auch nicht, dass ihm den “braunen Teppich auszurollen” eine sinnvolle Aktion war. Solche Aktionen bestärken nur jene in ihren Ansichten, die Herrn Sarrazin allen Ernstes für ein Opfer einer “Inquisition” oder einer “Hexenjagd” halten. Ich glaube auch nicht, dass er ein Nazi ist. Dass er kein Rassist sei, fällt mir schon schwerer zu glauben, wenn ich mir die mir bekannten Äußerungen Sarrazins zur Genetik begucke, aber ich bestehe nicht einmal darauf, ihn unbedingt so zu nennen.
Das Muster des Sarrazinschen Thesen - sofern ich sie überblicke - erinnert mich an Untergangsfantasien wie die von Oswald Spengler oder dem Demografen Friedrich Burgdörfer. Uralte Szenarien also, die immer noch ihrer Verwirklichung harren. Wenn man olle Kamellen als solche erkennt, vergeht einem schnell die Lust, sich damit zu befassen. Freilich wird es immer Leute geben, die die ollen Kamellen für ganz was Neues und Interessantes halten, und die rennen dann zur Sarrazin-Lesung. Hm, irgendwie sind das ja doch arme Würstchen, die man vielleicht auch bedauern könnte…
Mittlerweile ist die Leserschaft Sarrazins ja sogar selbst zum Untersuchungsgegenstand geworden, und ich interpretiere das Ergebnis mal so, dass hier jene Spießer identifizierbar sind, bei denen Kleinkariertheit und Aggressivität eine innige Verbindung eingegangen sind. Die brauchen solche Bücher, sonst hätten sie gar nichts zu lesen.
Ich habe hingegen genug zu lesen und auch noch genug zu tun, so dass ich die Nervfrage “Hast Du das Buch denn überhaupt gelesen?” verneinen muss/kann/darf. Mir reicht das, was ich an Sarrazinschen Lebensäußerungen bereits wahrnehmen konnte (man kann sich davor ja auch kaum retten, wenn man Massenmedien nutzt). Das reicht! Zu mehr kann man nicht verpflichtet sein.
Ich finde ja, dass man genug weiß, wenn man den Wikipedia-Artikel zum Buch liest. Da kann man die Thesen überblicken (sind vielleicht auch nicht alle falsch, hab ich aber auch nicht behauptet), ebenso die Reaktionen und auch Einschätzungen aus der Wissenschaft. Alles aufschlussreich, und für meinen Wissensdurst aufschlussreich genug.
Ich persönlich fand ja ganz interessannt, dass Herr Sarrazin sich z.B. positiv auf den Psychologen Volkmar Weiss bezieht. Diesen Menschen habe ich nämlich in der Enquete-Kommission des Sächsischen Landtages zur demografischen Entwicklung erlebt. Da saß er als von der NPD benannter Experte. Okay, nicht schön, aber vielleicht hat er doch wissenschaftliche Qualitäten? Der Geisteszustand dieses Herrn, den ich live in Aktion erleben konnte, dokumentiert sich auch auf seiner Homepage. Ganz besonders empfehle ich sein erzählerisches Werk (”Das Reich Artam”) - hier zwei Leseproben:

„Dir fehlt das richtige Verständnis für die Rassenseele, Adrian“, sagte Ahlfen beinahe traurig. „Du hängst zu sehr am Körperlichen. Eine Russin kann attraktiv und schön sein, eine Jüdin kann schön sein, aber ihre Rassenseele paßt nicht zu uns und kann nie mit uns harmonieren. Und wenn du eine ficken würdest, könntest Du höchstens Entspannung, nie aber Genuß dabei haben. Und deine eigene Seele würde dabei vergiftet.“

Herr Weiss hat aber anscheinend einen gewissen Genuss dabei, einen Fall von “Rassenschande” zu schildern:

“Er schlug ihr mit beiden flachen Händen auf die Arschbacken, daß es klatschte. Dann noch ein zweites Mal, kräftiger. Wenn es ihr auch weh tat, der Kick bekam ihnen beiden. Er glitt mit seiner knallharten Eichel ein paarmal gefühlvoll über ihren prall geschwollenen Kitzler, vor und zurück, bis zum After, in dem er seinen angefeuchteten Daumen drehte, ehe sie mit einem energischen Griff sein Glied in die richtige Öffnung lenkte.”

Jaja, jeder hat so die Koryphäen, die er braucht, und auch Herr Sarrazin hat die seinen…
Man kann nicht alles lesen, und Thilo Sarrazin wird schon nicht verhungern, wenn ich sein Buch nicht kaufe. Diejenigen, die es bereits als Bibel betrachten, werden mich naürlich als Heiden verachten, aber da kann ich nur sagen, dass ich sogar noch heiligere Bücher noch nicht gelesen habe, und die wären im Zweifelsfall eher dran.

Und dann noch eine Anmerkung in Richtung derjenigen, die im Zusammenhang solcher Debatten immer das am meisten abgenutzte Voltaire-Zitat der Welt benutzen, nämlich: “Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst” (so oder so ähnlich, es gibt ja offenbar sehr verschiedene Fassungen davon). Erstens: Ist das überhaupt von Voltaire? Könnt Ihr das demnächst mal bitte mit Belegstelle zitieren? Dankeschön im voraus! Zweitens: Seid Ihr sicher, dass Ihr so mutig seid? Also, ICH wüsste ja nicht, ob ich mein Leben für eine störungsfreie Sarrazin-Lesung einsetzen würde, wenn ich ehrlich bin. Aber das Tolle ist: Das ist auch gar nicht notwendig! Der Mann kommt durchaus mehr als hinreichend zu Wort. Der wird nämlich gar nicht verfolgt! Kapiert? Also: Das Pathos könnte ruhig mal ein bisschen dosiert werden, wenn man der Lächerlichkeit entgehen will.
Ach ja, noch was: Auch “Inqusition” und “Hexenjagden” waren keine Veranstaltungen, an deren Ende die Betroffenen als Bestseller-Millionäre, die vom Staat auch noch eine monatliche Altersversorgung von ca. 10.000 Euro erhielten, dastanden. Also, liebe Vollidioten im Lande, verzichtet besser auf Eure historischen Vergleiche, denn daran erkennt man Euch! Zwangsläufig! Immer!

P.S.: Der erste Kommentar zu diesem Beitrag wird nur freigeschaltet, wenn darin das besagte Voltaire-Zitat zweifelsfrei verifiziert wird. Hähähähä!!! Irgendwas Intolerantes MUSSTE bei DER Überschrift doch noch kommen! ;-)

5 Reaktionen zu “Hier spricht der Inquisitor”

  1. Micha

    Mit Verlaub, was Du so liest… (Volkmar Weiss).
    Im Ernst. Herr Sarrazin ist mir mithin scheißegal, echt jetzt. Die Leute, die zu seiner Lesung gehen auch. Leben und leben lassen oder auch jedem Tierchen sein Pläsierchen. Ich habe kein Problem mit marodierenden und Krummsäbelschwingenden Muselmanen. Es gibt sie schlicht nicht in meiner Lebenswirklichkeit.
    Was mich allerdings ankotzt sind die Plinsen, die mit Nazikeule und braunem Teppich dafür sorgen, dass die eigentlichen Nazis aus dem Blickfeld geraten.
    Sowas Unentspanntes aber auch.

  2. Micha

    das Voltaire-Zitat lautet übrigens korrekt: „Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug dafür kämpfen, daß Sie Ihre Meinung frei äußern dürfen.“

  3. Andreas Warschau

    Hallo Achim,
    anlässlich des 10jährigen Jubiläums habe ich gleich mal bei Wikipedia nachgeschaut (ich weiß, man soll nicht alles glauben, was bei Wikipedia steht!). Unter “Voltaire” ist dort in einer Fußnote zu lesen, dass das Zitat Voltaire fälschlicherweise zugeordnet wird. In einer Fußnote heißt es: “Tatsächlich stammt die Formulierung von S. G. Tallentyre / Evelyn Beatrice Hall: The Friends of Voltaire, U.P. Putnam”’’s Sons, New York 1907, S. 199: “I disapprove of what you say, but I will defend to the death your right to say it”, [1]. Diese hatte damit aber nur eine Einstellung Voltaires charakterisiert, kein Zitat angegeben. Eine irrige Zuschreibung an Voltaire selbst mit falschem Bezug auf einen Brief vom 6. Febr. 1770 an einen Abt „le Riche“ findet sich in Bartlett”’’s Familiar Quotations, beruht aber auf einer Fehllektüre von Norbert Guterman: A dictionary of french quotations. Vgl. z. B. F. R. Shapiro: The Yale book of quotations, Yale University Press 2006, S. 744″ Das Yale Book kann man auch bei google books eingescannt lesen.
    Im übrigen vielen Dank für die Aufklärung v. a. zu Herrn Weiss

  4. admin

    Danke, Andreas! Ohne Dich wären keine Kommentare freigeschaltet worden.
    Lieber Micha: Verloren, hähä! Korrekt ist nämlich: “Sire! Sie liegen zwar völlig falsch, aber Ihre erfundenen Zitate beeindrucken mich überhaupt nicht!” Das ist sowohl von Voltaire, als auch von Goethe, Einstein und Guido Westerwelle.

  5. Finn

    Mahlzeit! wo ist der Facebook Gefaellt mir Button? :-)

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