Identität

Identität scheint auch so etwas zu sein, über das am meisten diejenigen reden, die darüber nicht verfügen. Sie selbst nennen sich “Konservative”.
Vor ein paar Wochen gab es kleinen medialen Aufreger, als darüber berichtet wurde, dass der Chefredakteur der Studentenzeitschrift der Universität der Bundeswehr in München in neurechten Kreisen wie der „Jungen Freiheit“ und dem „Institut für Staatspolitik“ (IfS) unterwegs ist. Naja, so was kommt schon mal vor, gibt uns aber auch Gelegenheit, mal wieder einen Blick auf die Trostlosigkeit der „Neuen Rechten“ zu werfen.
In der aktuellen Ausgabe dieser Zeitschrift namens „CAMPUS“ (campus-unibw.de) wird über die Sinnhaftigkeit des Einsatzes von Frauen in der Bundeswehr diskutiert. Auf S. 27 hat man eine ganzseitige Anzeige für das neueste Elaborat aus dem IfS platziert: „Die Frau als Soldat“ (Bildhintergrund: eine Aktstatue, die wohl zeigen soll, wie unsoldatisch „die“ Frau zu sein hat). Das Organ des IfS heißt „Sezession“, und auf den Webseiten von IfS und „Sezession“ wird das publizistische Wirken des eigenen Autors zum „Fall Böcker“ aufgebläht, weil man sich wieder so schön von linken Gesinnungsterroristen verfolgt fühlen kann. Diesen behaglichen Grusel braucht man offensichtlich als Gemeinschaftserlebnis im Zitierkartell der Neurechten.
Passend zur ganzen Richtung wird in einem weiteren CAMPUS-Artikel darüber philosophiert, dass „der Soldat“ weder für Europa, noch für die Menschheit, sondern für sein Land kämpfe. Soso. Loyalität und Identität seien nicht zu trennen. Der Autor warnt: „Wenn von der ‚Menschheit’ als politischem Bezugspunkt die Rede ist, wird es immer gefährlich.“ Da kriegt man ja es richtig mit der Angst zu tun und denkt natürlich an den Nestor hellbraunen Schleimscheißertums, Carl Schmitt, der da sagte: „Wer ‚Menschheit’ sagt, will betrügen.“
Na, das hat aber gesessen, weswegen mittlerweile auch Jan Fleischhauer diesen Satz in seiner Spiegel-Online-Kolumne zitiert. Fleischhauer ist der, der „aus Versehen konservativ wurde“, wie es in im Untertitel seines Erbauungsbüchleins „Unter Linken“ heißt, womit auch mal wieder illustriert wird, dass Konservatismus keine Überzeugung, sondern ein Versehen ist. Herr Fleischhauer begründet sein Weltbild ja angeblich damit, dass er als Kind keine Cola zu trinken bekommen hat – früher ist man mit seinen Komplexen zur Therapie gegangen, heute erklärt man sie zu Argumenten (zumindest wenn man konservativ ist)…
Nachdem man im CAMPUS einen weiteren Artikel zum Thema „Identität“, in dem deren Fehlen beklagt wird (was natürlich ein schlechtes Zeichen für die Loyalität in der Truppe ist – siehe oben), und weiteres überblättert hat, kommt man dann auf der Seite an, auf der die Redaktion verkündet: „Die Redaktion der CAMPUS gedenkt den gefallenen Soldaten.“ Bin ich zu konservativ, wenn ich meine, dass das schlechtes Deutsch sei (und schlampige Sprache der Würde des Gedenkens abträglich ist)? Ich möchte mahnen: „Lieber Identitätssucher! Vielleicht war oder ist Deine Mutter ja eine Achtundsechzigerin, aber das ist noch lange kein Grund, die Muttersprache zu missachten!“
Das Thema der aktuellen Druckausgabe „Sezession“ ist übrigens – Überraschung! – Carl Schmitt. Und da darf natürlich ein Artikel von Alain de Benoist „Die Aktualität Carl Schmitts“ nicht fehlen. Diese „Aktualität Carl Schmitts“ ist ein ewig wiederkehrendes Thema der neuen Rechten, denn wirklich aktuelle originelle Denker hat man da nicht. Jede Sekte (Sekten sind das Produkt von Sezessionen) hat ja ihren intellektuellen Säulenheiligen, dessen „Aktualität“ sie beschwört. Das ist so langweilig, dass man sich darüber kaum empören mag.
Witzfiguren, die sich seitenlang über die vermeintliche Bedrohung dessen, was sie für ihre Identität halten, auslassen, mag man ignorieren wollen. Das geht nur schlecht, wenn sie meinen, ihre Thesen mit dem Schnellfeuergewehr vertreten zu müssen. Sie mit ihrem zusammengestoppelten Identitätsmüll im Kopf haben alle dasselbe intellektuelle Profil, aber nicht jeder Idiot ist auch ein Psychopath, oder etwa doch? Sie alle meinen, das Abendland mit seinen Traditionen zu verteidigen und sie fühlen sich verfolgt. Aber deswegen sind sie doch nicht alle gefährlich, oder?

P.S.: Wichtigtuer erkennt man u.a. an lateinischen Zitaten. Die Homepage der besagten “Sezession” führt u.a. das Motto “Etiam si omnes, ego non”. Dieses heutzutage populäre Motto selbsternannter konservativer Elite-Dissidenten ist, wie man weiß, eine Bearbeitung des Satzes “Et si omnes scandalizati fuerint in te ego numquam scandalizabor” aus dem Matthäus-Evangelium (26,33). Wenn man diesen Satz im Kontext liest, wird die ganze geistige Reichweite und der Heldenmut der “Sezessionisten” deutlich:

31 Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr alle werdet in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen und zu Fall kommen; denn in der Schrift steht: Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe der Herde zerstreuen.
32 Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch nach Galiläa vorausgehen.
33 Petrus erwiderte ihm: Und wenn alle an dir Anstoß nehmen - ich niemals!
34 Jesus entgegnete ihm: Amen, ich sage dir: In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.
35 Da sagte Petrus zu ihm: Und wenn ich mit dir sterben müsste - ich werde dich nie verleugnen. Das Gleiche sagten auch alle anderen Jünger.

[Über Petri Verhalten nach der Gefangennahme Jesu berichtet Mt 26 das Folgende:]

69 Petrus aber saß draußen im Hof. Da trat eine Magd zu ihm und sagte: Auch du warst mit diesem Jesus aus Galiläa zusammen.
70 Doch er leugnete es vor allen Leuten und sagte: Ich weiß nicht, wovon du redest.
71 Und als er zum Tor hinausgehen wollte, sah ihn eine andere Magd und sagte zu denen, die dort standen: Der war mit Jesus aus Nazaret zusammen.
72 Wieder leugnete er und schwor: Ich kenne den Menschen nicht.
73 Kurz darauf kamen die Leute, die dort standen, zu Petrus und sagten: Wirklich, auch du gehörst zu ihnen, deine Mundart verrät dich.
74 Da fing er an, sich zu verfluchen und schwor: Ich kenne den Menschen nicht. Gleich darauf krähte ein Hahn,
75 und Petrus erinnerte sich an das, was Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

Kommentarfunktion ist deaktiviert