Gute Nacht, Abendland?

Eins vorweg: Dieser Beitrag muss ohne Kommentarfunktion auskommen. Denn so vermeide ich von vornherein, unqualifizierte bzw. Straftatbestände erfüllende Beiträge löschen (pardon: “zensieren”) zu müssen. Und um das den gefühlt Verfolgten und Unterdrückten gleich mal zu erklären: Das Grundrecht auf Meinungsfreiheit beinhaltet kein verbrieftes Recht, anderen den Briefkasten vollzumüllen.

Was ist Meinungsfreiheit? Wir schlagen im Grundgesetz nach: “Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.”
Wenn man sich die aktuellen PEGIDA-Umtriebe in Dresden anguckt - insbesondere gewisse gehäufte Kommentare im Netz - haben manche offenbar gerade damit ein Problem, denn das, was sie für ihre Meinung halten, soll frei sein, aber Presse und Rundfunk werden schon mal unter Generalverdacht gestellt, Instrumente des Bösen zu sein; wenn andere ihre Meinungsfreiheit ausüben, ist das den Pedigisten in der Regel schon zu viel.
Dabei ist der Begriff der Meinungsfreiheit in diesem Zusammenhang wahrscheinlich irreführend, denn das, was die PEGIDA-Anhänger haben, ist ja keine Meinung, sondern bestenfalls ein Ressentiment (schlimmstenfalls ein ganzes Bündel davon). Denn eine Meinung zeichnet sich dadurch aus, einer argumentativen Überprüfung ausgesetzt werden zu können - hat man aber eine Meinung so liebgewonnen, dass sie vor Argumenten geschützt werden muss, hört sie auf, eine Angelegenheit des Verstandes zu sein und verkommt zum Gefühl.
Normalerweise sollte man davon ausgehen, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, von der kriminellen Vergangenheit eines Mannes, der (angeblich) 7.500 Leute auf die Straße bringt, zu erfahren. Für seine Anhänger ist ein Bericht darüber dann gleich eine “Schmutzkampagne” - und dabei halten sie es für völlig unerheblich, dass er die dargestellten Fakten nicht einmal leugnen kann! Wie würden sie wohl reagieren, wenn eine solche Vita bei einem PEGIDA-Gegner enthüllt würde?
Herr Bachmann hat es auch nicht mit der Logik, wenn er im BILD-Interview eine Demonstration von Kurdinnen und Kurden gegen den “Islamischen Staat” als Anlass seiner Bewegung “gegen Islamisierung” anführt. Wenn man aber in einen vernünftigen Diskurs eintreten will (wöllte), dann geht (ginge) das dummerweise nicht ohne ein Mindestmaß an Logik und Rationalität!

Manche meinen, dass man mit diesen Leuten reden müsse. Man müsste aber wissen, wie das gehen soll. Herr Bachmann hat schon mal gepostet, dass Grüne standrechtlich erschossen werden müssten - naja, vielleicht wird man verstehen, dass ich nicht mit jedem reden muss… Ganz groß ist es auch, wenn man anderen eine Kritik unterstellt, die sie gar nicht geäußert haben. Beispielhafte Eröffnung: “Wenn man das und das sagt, wird man gleich mit der Nazi-Keule erschlagen.” Der Pedigist unterstellt Dir schon mal, dass Du ihn für einen Nazi hältst, bevor Du überhaupt den Mund aufgemacht hast. Was soll man dazu sagen? Der Pegidist steckt Dich vorsorglich in den Sack, in dem er Mainstream-Medien, Antifa, “Gutmenschen” und was weiß ich vermutet. Er will Dich beschäftigen, indem Du erstmal klarstellen musst, dass Du kein “Vertreter” von diesen Gruppen bist, sondern Deine eigene Meinung hast. Aber das geht ihm nicht ein, denn die Pegidisten glauben zu wissen, dass alle manipuliert sind, nur sie selbst nicht. Zum Kern der Sache wirst Du nicht stoßen, das wird der Pedigist zu vermeiden wissen. Er ist wie eine Zwiebel, die zu verbergen sucht, dass sie gar keinen Kern hat, sondern nur aus unterschiedlich intensiv stinkenden Schichten besteht.

(Ja, ich gebe zu, das Bild wirkte jetzt ein wenig gewollt.)

Es mag sie ja geben, die “besorgten Bürgerinnen und Bürger” in den Reihen der PEGIDA, aber mit Rudeln lässt es sich schlecht diskutieren. Lautstark bzw. im Netz präsent sind eher die Dumpfbacken, die vorgeben, das Abendland zu verteidigen, deren Deutsch-Kenntnisse aber die Empfehlung nahelegen, mal den Grundschulbesuch nachzuholen. Das sind die Böller-Werfer. Nein, mit solchen Leuten muss man nicht diskutieren.
Was auffällt: PEGIDA ist so ein Event-Ding. Es gibt auf deren Homepage eigentlich keinen einzigen programmatischen Text. Der Inhalt besteht aus Statusmeldungen zum Stand der eigenen Bewegung, und der einzige größere Text ist die Rede von Lutz Bachmann, in der er sich auch nur in erster Linie mit seinen Gegnern auseinandersetzt. Allerdings stellt er zu recht fest: “Aber Freunde, wir haben auch Fehler gemacht. So haben wir zum Beispiel unsere Forderungen nicht konkret genug und an die falschen Adressaten gestellt.” Soweit am 24.11.2015 - ob das mittlerweile besser läuft? Das wird man wohl daran erkennen, wie lange die NPD sich auf PEGIDA-Demos wohl fühlt.

Meine Damen und Herren PEGIDA-DemonstrantInnen, Sie fühlen sich als “Nazis” verunglimpft? Das muss ziemlich unangenehm sein, aber bedenken Sie bitte dies: Wenn jemand in Ihre Richtung “Nazis raus!” ruft, dann könnte das daran liegen, dass neben Ihnen gerade der Dresdner NPD-Kreisvorsitzende demonstriert. Der ist gemeint! Okay?
Wenn Sie gar nicht gegen Asyl sind, sondern Kriegsflüchtlinge aufnehmen wollen, dann hören Sie bitte auf, Stimmung zu machen, denn Sie sind dafür verantwortlich, wenn pauschale Behauptungen zu Aggressionen gegen Menschen führen, die ihre Heimat nicht aus Jux und Tollerei verlassen haben. Das alles hatten wir schon mal.

Ich habe das Glück gehabt, im September 1989 als Westdeutscher in Prag gewesen zu sein, dort am Botschaftszaun mit Flüchtlingen reden zu können und auch ein paar Besorgungen für sie zu machen. Das war aufregend. Aber das muss ich auch sagen: Da waren viele dabei, die Ihresgleichen wohl als “Wirtschaftsflüchtlinge” bezeichnen würde. Ich habe diesen Menschen trotzdem alles Gute gewünscht.
Herr Bachmann sagte in seiner Rede am 24.11., dass PEGIDA dafür stehe, “dass jede Minderheit, gleich woher sie kommt, wenn sie in bei uns leben, arbeiten und essen will, auch DEUTSCH SPRECHEN, UNSERE GESETZE UND UNSERE KULTUR RESPEKTIEREN SOLLTE” (Hervorhebungen von PEGIDA - ich habe das von deren Homepage runterkopiert). Dann achten Sie mal darauf, ob das auch für alle Minderheiten zutrifft, die auf Ihren Demos mitlaufen!
Ach, wenn die die deutsche Sprache nicht ordentlich beherrschen, kriminell sind und beispielsweise christliche Nächstenliebe als “Gutmenschentum” diffamieren, ist das nicht so wichtig? Weil die ja von hier sind? Sehen Sie: Genau diese Unterscheidung ist Rassismus.

PEGIDA ist ein Zeichen des kulturellen Verfalls. Was dort passiert und was von dort kommt, schadet christlicher Kultur und der Tradition der Aufklärung - also dem Abendland - mehr, als das die paar Islamisten, die es hier überhaupt gibt, jemals könnten. Wenn DAS die “Retter des Abendlandes” sein sollen, dann könnte man glatt melancholisch werden, ggf. versonnen in Oswald Spenglers Opus magnum blättern (auch bei Rechten sehr beliebt!) und dem armen Abendland, dessen Untergang nicht aufzuhalten zu sein scheint, eine gute Nacht wünschen…
Könnte man. Ich werde aber am nächsten Montag gegen diese Bullshit-Bewegung demonstrieren. Muss ja sein.

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