Dies sollte keine Serie zu werden, dazu sind die Überlegungen zum Thema „Wissenschaft und Politik“ viel zu unsystematisch aufbereitet, aber wie beim letzten Mal blogge ich zum Thema aus Anlass einer Publikation (die vorhergehenden Beiträge finden sich hier und hier).
Diesmal ist der Anlass das Buch Wahrheiten und Mehrheiten. Kritik des autoritären Szientismus von Peter Strohschneider (München 2024 – meine Urlaubslektüre im Sommer 2025). Das ist auch autobiografisch bedingt, denn während meines kurzen wissenschaftlichen Lebens in Dresden durfte ich gelegentlich den, wie man so schön sagt, luziden Gedanken Peter Strohschneiders lauschen, insbesondere im Zusammenhang eines Sonderforschungsbereich, der sich mit Institutionalität und Geschichtlichkeit befasste. Peter Strohschneider ist Germanist – das ist mir eher fremd – allerdings ein mediävistischer – das ist mir vielleicht nicht unbedingt „vertraut“, aber sehr sympathisch. Er war aber auch von 2006 bis 2011 Vorsitzender des Wissenschaftsrates und von 2013 bis 2019 Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft – man könnte vielleicht sagen, ein institutioneller Vertreter „der“ Wissenschaft.
Von so einem derartig situierten Wissenschaftler würden viele wahrscheinlich zuvörderst erwarten, dass gerade er Wert und Wichtigkeit der Wissenschaft betont und einfordert, dass man auf sie „hören“ solle, wie das auch Aktivist*innen tun, die mit dem Umstand konfrontiert sind, dass pseudowissenschaftliche bis offen wissenschaftsfeindliche Positionen gegen Maßnahmen zum Schutz gegen Gefährdungen menschlichen Lebens ins Feld geführt werden, insbesondere wenn es um Klima-, Umwelt- und Gesundheitsfragen geht. Aber Strohschneider sieht die Problematik eines – siehe Untertitel – autoritären Szientismus, der sich insbesondere in Reaktionen auf die Klimakrise zeigt, aber auch angesichts anderer Krisen wie z. B. der Corona-Pandemie. Er meint eine Haltung, die darauf abstellt, dass man mit der Physik nicht „verhandeln“ könne, und aus der heraus mit einer gewissen Verachtung auf die trägen politischen (im besten Falle: demokratischen) Prozesse geblickt wird. Der autoritäre Szientismus ist un- oder sogar antidemokratisch infolge einer angesichts der Dringlichkeit der Krisen verständlichen Ungeduld.
Es gibt diese Haltung. Allerdings liegt die Frage nahe, ob dies wirklich ein großes gesellschaftliches Problem ist, wenn man zugleich auf den Einfluss wissenschaftsfeindlicher bzw. pseudowissenschaftlicher Auffassungen blickt und sich beispielsweise vor Augen führt, wer in den Vereinigten Staaten von Amerika als Minister Verantwortung für die Gesundheit seiner Mitbürger*innen übernehmen darf. Ein szientokratisches Regime scheint uns nicht unmittelbar zu drohen, auch wenn Strohschneider dessen mögliche Nachteile skizziert. Man muss in diesem Zusammenhang auch betonen, dass es in der Regel nicht die Wissenschaftler*innen selbst sind, die Widerspruch mit dem Schlachtruf Follow the science! verstummen lassen wollen. Das schreibt ihnen Strohschneider auch gar nicht zu, der eher auf „volkspädagogisch“ tätige Meinungsmacher*innen Bezug nimmt. Vielleicht machen wir als Rezipient*innen einen Fehler, wenn wir die Warnung vor einem „autoritären Szientismus“ in eine Reihe mit anderen (berechtigten) Warnungen vor Formen des Autoritarismus stellen. Dass der Autoritarismus sich in einer „szientistischen“ Version durchsetzen wird, erscheint ja als ein weniger wahrscheinliches Szenario.
Lesenswert sind Strohschneiders Argumente gegen eine naiv-wissenschaftsgläubige Haltung aber vor allem, weil man mit dieser eben nicht weit kommt und sie uns auch bei der Bewältigung von Problemen wie der Klimakrise nicht weiterhilft. Insofern müsste man dem Buch die „richtigen“ Leser*innen wünschen, weil die Überzeugung, dass die eigene Weltanschauung eine „wissenschaftliche“ sei, noch lange nicht davor schützt, auf dem Holzweg zu sein (wie uns ja auch die Geschichte lehrt, sofern sie uns etwas lehren kann…). Der Weckruf ergeht nicht an die ganze Gesellschaft, aber an einen Teil von ihr.
Forderungen, dass die Politik der Wissenschaft folgen oder doch mindestens auf sie hören sollte, verschleiern, dass noch lange nicht klar ist, dass die Wissenschaft im Falle ihres Aufstiegs zu einer echten Machtposition ohne weiteres wüsste, was zu tun ist. Ihr Wissen um die Mechanismen der Physik hülfe ihr wenig bei der Bewältigung der Komplexität der Gesellschaft, die nicht über „Mechanismen“ zu beschreiben ist.
Strohschneiders Buch macht deutlich, dass der Anspruch des autoritären Szientismus auch was mit der Wissenschaft machen würde: Aus der Erwartungshaltung heraus, Gewissheiten herstellen zu können, würde Falsifizierung als Fortschrittsprinzip infrage gestellt wie auch der für Wissenschaft notwendige Pluralismus. Strohschneider schreibt (S. 132): „Die Verwissenschaftlichung der Politik ist nicht zu haben ohne die Politisierung der Wissenschaften. Ihre machttechnische Indienstnahme verknappt die Funktionalität der Wissenschaften und verkürzt ihre Leistungsfähigkeit.“
Man kann Peter Strohschneider nicht vorwerfen, dass er nicht um die Dringlichkeit der Bedrohungen, die die Wissenschaft beschreiben kann, wüsste, und für mich scheint auch ein gewisses Verständnis für die Unzufriedenheit der Problemlösungsfähigkeit der Demokratie angesichts des Notstandes in seinem Buch auf. Insofern bleibt es notwendigerweise unbefriedigend. Ich bezweifle aber, dass das Hauptproblem die Abstimmung zwischen den gesellschaftlichen Teilsystemen Wissenschaft und Politik ist oder die Trägheit der Demokratie. Denn auch wenn die einen meinen, dass doch jetzt klar sein müsse, was zu tun sei, weil uns die Wissenschaft oder der gesunde Menschenverstand längst gezeigt haben, was das sei, so ändert das nichts daran, dass für Klimaschutz immer noch nicht die notwendige Mehrheit gewonnen wurde, was, so glaube ich, von vielen nach wie vor verdrängt wird. Das kann man als eine Frage nach dem richtigen politischen System ansehen oder als eine Frage mangelnder Aufklärung. Oder man stellt sich die Frage, warum die bekannte Vorstellung, dass die eigenen Kinder und Enkelkinder es einmal besser haben sollen als man selbst, bei Eltern und Großeltern heutzutage nicht mehr so gegeben zu sein scheint wie in früheren Generationen. Oder man fragt sich, wie man den Einfluss der Superreichen auf ein demokratisches Mindestmaß herunterstutzen kann (was auch etwas mit politischer Gleichheit zu tun haben würde). Oder man macht sich Gedanken darüber, wie die großen Verblödungsmaschinen unserer Zeit gestürmt und lahmgelegt werden könnten.
Das größte Problem mit dem Mangel an Einsicht in die Notwendigkeit scheint mir in dem Umstand zu liegen, dass zwischen denjenigen, die sich als wissenschaftlich aufgeschlossen betrachten, und denjenigen, denen sie genau das absprechen, keine gelingende Verständigung möglich zu sein scheint, was angesichts dieser Voraussetzungen nicht verwundern kann. Ich betone an dieser Stelle, dass ich der letztgenannten Gruppe keine Selbstbeschreibung zuordne. Ihre Angehörigen werden sich selbst niemals als „wissenschaftsfeindlich“ bezeichnen. Auch diejenigen, die Impfungen grundsätzlich ablehnen oder die Erde für eine Scheibe halten, werden mehrheitlich Argumente für ihre Positionen anbringen, die sie für wissenschaftlich halten. Eine Ausnahme bilden diejenigen, die eine wissenschaftlich-rationale Sicht auf die Welt grundsätzlich ablehnen, beispielsweise zugunsten eines Weltbildes, das sie als „ganzheitlich“ verstehen. Auf diese Gruppe gehe ich hier nicht näher ein, auch wenn man sie in ihrer Gefährlichkeit nicht unterschätzen sollte. Dass der Rationalismus bislang die größten Probleme nicht zu lösen vermochte, ist sicherlich ein richtiger Einwand. Die Klimakrise ist ja das beste Beispiel dafür, dass Wissen allein nicht ausreicht, um ein Problem zu lösen, dass vielmehr lauter Teilrationalismen, die Effizienz, Gewinn und Fortschritt ermöglicht haben, uns sogar regelrecht in die aktuelle Lage gebracht haben. Dieselbe Menschheit, die schlau genug war, Kohlekraftwerke und sogar noch viel kompliziertere Dinge zu entwickeln, ist plötzlich zu doof, die Klimakrise zu überwinden. Das lässt dann doch ein wenig am Rationalismus zweifeln! Aber das ist alles kein Grund für Irrationalität, beispielsweise in der Gestalt, angesichts der Nachteile der Chemotherapie Krebs mit „Neuer Germanischer Medizin“ heilen zu wollen, oder in Legenden, Mythen und Heldensagen die Begründung für politische Entscheidungen zu suchen.
Das ist vielleicht auch eine Dialektik der Aufklärung, dass sie ein technisches Zeitalter ermöglicht hat, mit dessen Folgen wir als Menschheit überfordert sind. Dass dem autoritären Szientismus ein autoritärer Irrationalismus gegenübersteht, darf nicht vergessen werden. Wir dürfen nicht voraussetzen, dass alle mit Wissenschaft umgehen können, und tatsächlich ist für uns alle der rationale Umgang mit Wissenschaft die Einsicht, dass jede*r von uns die meisten Wissenschaften nicht durchdringt – selbst den Wissenschaftler*innen geht es ja so. Ich fand es immer lächerlich, dass ausgerechnet Zeitgenoss*innen des 20. Jahrhunderts das Mittelalter als „finster“ bezeichnet haben, und dass danach, dass das 21. Jahrhundert viel erleuchteter werden könnte, sieht es ja gerade auch nicht aus. Wir sollten bedenken, dass eine Überwindung der Aufklärung ja nicht einfach zu den Zuständen „davor“ zurückführen würde, denn was es „davor“ gab, das war schon eine Zivilisation – diese wird sich „nach“ der Aufklärung aber nicht mehr so ohne weiteres wiederherstellen lassen.