Wissenschaft und Politik – Nachtrag

Vor über einem Jahr habe ich mich zum Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik ausgelassen – am Beispiel des heute als nahezu harmlos erscheinenden Themas der Homöopathie.

Die Frage nach diesem Verhältnis stellt sich heute dramatischer angesichts der Corona-Pandemie. Ich glaube, dass mein Beitrag aus dem Jahr 2020 immer noch ganz gut für sich steht. Ich denke sogar, dass man vieles, was als Problem im Umgang mit der aktuellen Pandemie wahrgenommen wird – die Schwierigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse in politische Entscheidungsprozesse einzuspeisen – auch noch aus diesem Beitrag herausgelesen werden kann, aber ein paar Ergänzungen erscheinen mir dann doch als sinnvoll.

Um mal die eigenen Ausführungen unzulässig zu verkürzen: Politik und Wissenschaft können nie ganz zusammenkommen, weil ihre „Leitwährungen“ unterschiedliche sind. Der Politik geht es um Macht, der Wissenschaft um Erkenntnis. Das ist nicht dasselbe, auch wenn behauptet wird, dass Wissen Macht sei (ich frage mich, wie viele der Menschen, die diese Redensart benutzen, diese auch erklären könnten). Natürlich kann Wissen mächtiger machen, aber weniger aufgrund der reinen Erkenntnis, sondern durch Nutzanwendungen. Die Katapulte und Brennspiegel des Archimedes mögen den römischen Belagerern viel Schaden zugefügt haben – na gut, schlechtes Beispiel, denn am Ende wurde Syrakus ja doch eingenommen…

Denken Sie doch einmal in aller Ruhe darüber nach, was es heißt, dass Wissenschaftler*innen Konsense und Politiker*innen Kompromisse erzielen! Die Wissenschaftler*innen wissen um die Vorläufigkeit ihrer Ergebnisse, kämen aber wahrscheinlich nicht auf den Gedanken dahinter ggf. zurückfallen zu müssen: Etwas „gilt“ (bzw. gilt als wahr), solange die Feststellung nicht durch neue Erkenntnisse falsifiziert (oder ergänzt oder verbessert) wird. Die Falsifizierung wird als Fortschritt begriffen, denn sie bedeutet ja, dass man Neues herausbekommen hat (auch wenn das Neue nur darin besteht, dass eine Annahme sich als falsch erwiesen hat). Und Neues herauszubekommen, ist nun mal die Grundabsicht von Wissenschaftler*innen. Der Kompromiss der Politiker*innen ist hingegen eine Frage der Durchsetzungskraft, mithin eine Machtfrage (und dass die mehr Wissenden immer auch die Mächtigeren seien, wird trotz „Wissen ist Macht“ wohl kein vernünftiger Mensch behaupten wollen). Es wird sich in unterschiedlichem Maße durchgesetzt, es kann sogar „Verlierer*innen“ geben, das ist aber keine Frage des jeweiligen Erkenntnisstandes, sondern vielmehr von Interessen und (in geringerem Maße) von Ideologie. Die Begriffe „Interesse“ und „Ideologie“ benutze ich hier übrigens völlig wertfrei (der Vorwurf der Interessegeleitetheit oder der Ideologie ist ziemlich banal und wird in der Regel von schwachen Gemütern erhoben).

Nun habe ich mich in diesem Zusammenhang wahrscheinlich zu wenig mit der Rolle der Medien beschäftigt. In einer demokratischen Gesellschaft wird Einfluss in besonderem Maße über das Vorkommen in den Medien gewonnen. Das erklärt das Bestreben von Politiker*innen, in den Medien „vorzukommen“. Ob man dieses Bestreben als Streben nach Geltung bezeichnen kann, weiß ich nicht, denn was genau wollen diejenigen zur Geltung bringen, die andauernd neue Säue durchs Dorf treiben? Aber vielleicht habe ich auch nur eine falsche Vorstellung davon, was „Geltung“ bedeutet, wenn ich diesen Begriff mit einer Vorstellung von Dauerhaftigkeit in Verbindung bringe. Jetzt reden wir aber mal etwas weniger akademisch-systemtheoretisch als beim letzten Mal: Wenn es ein Vorkommenwollen bei Wissenschaftler*innen und Politiker*innen gibt, kann man vielleicht unterscheiden, dass die Wissenschaftler*innen in der Regel (!) in einer Fachöffentlichkeit vorkommen wollen (d. h. für eine Naturwissenschaftlerin ist z. B. eine Erwähnung in der „Nature“ von höherer Relevanz als ein Porträt in einem Nachrichtenmagazin), es den Politiker*innen hingegen um massenmediale Verbreitung gehen muss. Wenn Verbreitung, also Reichweite, aber ein entscheidendes Kriterium ist, muss das womöglich zulasten der intellektuellen Tiefe gehen. Das wäre für sich genommen immer noch kein Problem, wenn wir uns darüber einig wären, in welcher Sprache wir Politik kommunizieren wollen. Wenn es z. B. nur eine Bildsprache ist (im Rahmen der Instagramisierung der politischen Kommunikation), weiß ich nicht, wie der argumentative Austausch eine Chance haben soll, wenn der Krieg der Bilder dominiert. Ein Foto einer Politikerin, die Fahrrad fährt, mag eine verkehrspolitische Botschaft implizieren, sie ist aber strengenommen kein verkehrspolitisches Argument. Politik hat was mit Werten zu tun – keine Angst, ich werde jetzt nicht pathetisch und verbessere mich sogleich: Maßgeblich sind in der Politik Wertvorstellungen bzw. ihre Unterschiedlichkeit bzw. die unterschiedliche Gewichtung bestimmter Werte. Und so kann das Bild einer Politikerin, die Fahrrad fährt, politische Kommunikation sein.

Es ist seit den letzten Monaten oft ein Verständnis von wissenschaftlicher Politikberatung zu beobachten, das in verschiedenen Ausprägungen eindimensional ist: Der Wissenschaft wird entweder normativ oder als Tatsachenbehauptung eine simple handlungsleitende Macht zugesprochen. Normativ in Form der Forderung, dass man gefälligst sich an das halten solle, was die Wissenschaft sage; als Tatsachenbehauptung, indem man den Expert*innen unterstellt, für die reale Politik, die gemacht wird, verantwortlich zu sein (und beispielsweise so getan wird, als ob Christian Drosten über die Lockdowns entscheide). Beide „Ansätze“ sind problematisch.

Die normative Herangehensweise ist insofern richtig, als dass man besser wissenschaftlichen Input in die Entscheidungsfindung einfließen lassen sollte als inkompetentes Gequatsche von Esoteriker*innen oder Influencer*innen. Aber sie wird problematisch, wenn sie so tut, als ob das so einfach wäre. Aufgrund des Systemunterschieds zwischen Wissenschaft und Politik bedarf es einiger Übersetzungsleistungen, um Erkenntnisse in den Entscheidungsprozess einbringen zu können, und solche Prozesse der Übersetzung können gar nicht ohne Verluste vonstattengehen. Hinzu kommt das Problem, dass politische Entscheidungsträger*innen eine Vielzahl von Aspekten berücksichtigen sollten – das sei hier auch nochmal erwähnt, auch wenn es natürlich eine Binsenweisheit ist. Letztlich ist die Gewichtung der Aspekte eine politische und die Bewertung der Gewichtung entsprechend eine politische (keine „wissenschaftliche“ Bewertung). Und auch wenn das eben Gesagte eine Binsenweisheit ist, ist es beispielsweise doch erstaunlich, wie viele Menschen von „der“ Wirtschaft sprechen, die jetzt zurückstehen solle oder nicht, und ganz offenbar meinen, selber damit nichts zu tun zu haben.

Die normative Herangehensweise tendiert aber auch dazu, „die“ Wissenschaft als etwas Monolithisches zu betrachten und eine Eindeutigkeit zu erwarten, die gerade in laufenden Prozessen nicht realistisch ist. Viele wollen auf das vertrauen können, was der Mensch im weißen Kittel sagt, und sind irritiert, wenn ein anderer Mensch im weißen Kittel auftaucht und was anderes sagt (die Abbildbarkeit wissenschaftlicher Diskurse in den Massenmedien ist ein ganz eigenes Problem). Eine Reaktion ist dann die, dass Laiinnen und Laien bestimmten Wissenschaftler*innen die Wissenschaftlichkeit absprechen, weil sie meinen, sich für jemandes Position entscheiden zu müssen. Auf Twitter ist dieser Unfug am deutlichsten zu beobachten: Hashtags wie #TeamStreeck oder #DrostenUltras sind ja wohl wenig sinnvoll, wenn es darum geht, wissenschaftliche Ergebnisse zu evaluieren. Das Problem ist am Ende aber, dass diejenigen, die der Wissenschaft einen politischen Einfluss zubilligen wollen, wissenschaftliche Diskurse auf die genannte Weise de facto infragestellen, somit am Ende paradoxerweise den Prozess wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns an sich delegitimieren. Das ist vielleicht insofern nicht schlimm, weil die Arena, in der diese Debatten stattfinden, nicht die eigentliche Öffentlichkeit der wissenschaftlichen Community, sondern die der Online-Plattformen und der Massenmedien sind, die anders funktionieren als die Fachzeitschriften und peer reviews. Irgendwie wird’s Brühe, wenn die Diskussion in die Talkshows verlagert wird. Aber wenn Wissenschaftler*innen sich aufgrund bestehender Erwartungshaltungen in der Öffentlichkeit verpflichtet fühlen, in die Talkshows zu gehen, ist das mindestens problematisch.

Wir können nämlich sehen, wie aus dieser Konstellation Druck erwächst, der auf die Wissenschaftler*innen einwirkt und im schlimmsten Falle das Potenzial entwickelt, die eigentlichen Motivationen für Wissenschaftler*innen zu verdrängen. Wenn die BILD-Zeitung in dicken Lettern wissenschaftliche Arbeiten beurteilt („grob falsch“), ist die Absurdität vollkommen, und man kann den Wissenschaftler*innen nur wünschen, dass ihnen bewusst ist, dass die Idioten im Lande, die eine solche „Evaluation“ tatsächlich ernstnehmen, nicht relevant sind. Aber wenn Drohbriefe verschickt werden, stellt sich das für die Betroffenen sicherlich nicht mehr so einfach dar. Aber auch ohne diese Auswüchse wird klar, dass der wissenschaftliche Diskurs sich nicht ohne weiteres in die Welt der Massenmedien und der Sozialen Medien übertragen lässt ohne an Gehalt zu verlieren. Es scheint viel dafür zu sprechen, die Sphäre der Wissenschaftlichkeit von der Sphäre des breiten Debatte zu trennen bzw. erstere regelrecht vor der letzteren zu schützen – dann mögen die „Teams“ oder „Ultras“ von Virolog*innen weiter aufeinanderprallen, aber man könnte sich sicher sein, dass in der Welt der Wissenschaft ein Diskurs erhalten bleibt, der sich streng an wissenschaftlichen Kriterien orientiert und in dem die jeweiligen Papers ausschlaggebend sind statt der Talkshowauftritte.

Leider muss man aber feststellen, dass das Einspeisen wissenschaftlicher Erkenntnisse in den breiten Diskurs den Effekt zeitigt, dass dieser Diskurs ausgerechnet für die Wissenschaftler*innen nicht mehr herrschaftsfrei ist. Für uns anderen scheint er das schon eher zu bleiben, wenn wir uns unsere Lieblingsvirolog*innen aussuchen können. Aber auf lange Sicht erschweren wir den wissenschaftlichen Input, wenn wir an ihn wissenschaftsfremde Kriterien anlegen, wenn also unsere „Auswertung“ wissenschaftlichen Inputs auf diejenigen zurückschlägt, die ihn eingebracht haben. Wieso sollten Wissenschaftler*innen sich außerhalb ihrer Fachöffentlichkeiten noch weiter äußern wollen, wenn sie sehen, wie ihre Befunde in Schlagzeilen, Tweets und Kampagnen verwurstet werden? Natürlich haben sie ja Besseres zu tun! Und da Wissenschaft immer noch auf externe Finanzierung angewiesen ist, kann es nicht wünchenswert sein, dass Wissenschaftler*innen Popstarqualitäten entwickeln müssen, um ihre Aussichten auf Ressourcen verbessern zu können. Man verfehlt das Thema, wenn man so auf Wissenschaftler*innen blickt. Wer beispielsweise von einem „Hygiene-Papst“ spricht, weiß weder, was ein Papst, noch was Wissenschaft ist – bzw. tut so, als ob sie/er es nicht wüsste (und dass das Drecksblatt sich auch nichts aus Hygiene macht, ist sowieso klar). Es scheint sich gerade eine Illusion zu erledigen, nämlich die, dass man nur die Kanäle öffnen müsse, um Informationen fließen zu lassen, und die sinnvolle Verarbeitung dann durch eine „Schwarmintelligenz“ erfolge. Ganz so einfach, wie sich manche das zu Beginn dieses Jahrhunderts vorgestellt haben, ist es dann wohl doch nicht, auch wenn ich selbst natürlich dankbar dafür bin, dass theoretisch jede*r, die oder der meine Sprache lesen kann, Zugang zu meinen Überlegungen in diesem Blog oder über andere Plattformen hat (ob das einen gesellschaftlichen Gewinn darstellt, steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt).

Journalismus muss sich heute wie früher auch schon verkaufen lassen, und das Problem ist, dass die Menschen Geschichten lesen oder hören wollen. Deshalb folgt die Presse zwangsläufig der Skandalisierungslogik. Sachliche Differenzen lassen sich journalistisch besser als Konflikt denn als Dissens darstellen. Ein wissenschaftlicher Konsens ist langweilig, weil er ja ein Konsens ist, deshalb werden mittels falscher Ausgewogenheit alle möglichen Dödelpositionen angeführt, um eine Erkenntnis als „umstritten“ zu charakterisieren. Wissenschaftliche Konsensfindung entspricht nicht journalistischer „Wahrheitsfindung“. Das Unverständnis gegenüber wissenschaftlicher Logik wird als kritische Distanz oder gesunde Skepsis verkauft. Der Journalismus hat seine Funktion immer noch nicht verloren, aber an ihm kann auch vieles doof sein. Vielleicht wurde und wird es im Laufe der Zeit auch gar nicht schlimmer, sondern nur anders doof. Wie z. B. die „sozialen“ die „klassischen“ Medien beeinflussen, ist noch einmal ein riesiges Thema für sich.

Dass die mediale Verarbeitung von Themen, seien sie wissenschaftlicher oder anderer Natur, immer mehr der Logik der Unterhaltung unterliegt, ist die eine Seite des Problems. Die Hoffnung auf Schwarmintelligenz und neue („soziale“) Medien erklärt sich ja teilweise durch die Enttäuschung durch die „klassische“ Presse. Aber leider wird es nicht besser auf den Plattformen, auf denen wir alle uns vermeintlich gleichberechtigt äußern können. Da wird auch kräftig in Hörner gestoßen und jede*r bezieht sich auf diejenigen wissenschaftlichen Äußerungen, die vornehmlich in den eigenen Kram passen. Wenn auch die „sozialen“ Medien niemals repräsentativ sind (und die Annahme vieler Nutzer*innen, dass man beispielsweise politische Relevanz über Twitter erreichen kann, in der Regel falsch ist), so spiegeln sie doch Reaktionen auf Wissenschaft in der Bevölkerung, die früher weitgehend verborgen geblieben wären. Und die Bandbreite reicht bei den Reaktionen auf wissenschaftliche Aussagen über Probleme, die uns alle betreffen – sei es die Corona-Pandemie, sei es die Erderwärmung – von der Ignoranz bzw. Leugnung bis zur Panik. Bei einem zeitlich so verdichteten Ereignis wie der Pandemie fallen die Reaktionen nur schriller aus, aber jeweils in dem Sinne, den man sich schon vorher zu eigen gemacht hat, je nachdem, ob man der Lockerungen- oder der Lockdown-Partei angehört. Mutationen eines Virus (an und für sich keine exotische Angelegenheit) kann man dementsprechend schlicht nicht zur Kenntnis nehmen (Fehler!) oder als Katastrophengarantie auffassen (leider auch nicht richtig). Beides ist nicht hilfreich.

So schließen viele, die eine wissenschaftliche Äußerung anführen, nach der die Wirtschaft unter dem Lockdown leide, Homeschooling schlecht für Kinder sei, Maskentragen der Gesundheit schade, der Mensch Geselligkeit brauche, Impfen Schäden verursachen könne, Masken effektiv gegen die Verbreitung des Virus helfen, der eine oder andere Impfstoff sich als hochwirksam erweise, Mutationen das Virus ansteckender machen, die wirtschaftlichen Folgen des Infektionsgeschehens selbst gravierender sein würden als der Lockdown usw. usf., aus den jeweiligen Feststellungen, dass ja wohl eindeutig daraus folge, was zu tun sei…, und tun dabei insbesondere den Wissenschaftler*innen unrecht, die nie behauptet haben, mehr als Teilerkenntnisse zu präsentieren. Ganz besonders traurig ist, wie man auf Twitter studierten Menschen beim Verblöden zusehen kann: Jeder Witz und jede Empörtheit (das sind die beiden Kategorien, auf die es ankommt) braucht Schnelligkeit, um etwas Besonderes zu sein. Wer sonst nichts zu sagen hat, profiliert sich als Kassandra (und sollte man hinterher nicht wie Kassandra recht gehabt haben, so hat man doch wenigstens bedrohlich geklungen). In sozialen Medien ist das allenthalben zu sehen. Die Prüfung der Quellen entfällt genauso wie das Heranziehen zusätzlicher Informationen – eigentlich entfällt alles, was zum Verständnis komplexer Sachverhalte notwendig wäre.

Die meisten Menschen suchen dummerweise Gewissheit, während die Wissenschaftler*innen andauernd Fragen stellen. Damit erweist sich das Modell, dass die Wissenschaft für die „Antworten“ zuständig sei, als zu simpel, wenngleich man aber auch festhalten muss, dass OHNE die Wissenschaft auch keine Antworten möglich sind. Um nochmal an meinen Text aus dem Januar 2020 anzuknüpfen: Wir lechzen alle nach Verifizierung, während die Wissenschaft ihre Erkenntnisse durch fortlaufende Falsifizierungsprozesse gewinnt. Das passt irgendwie nicht so ganz zusammen, und damit muss man nun mal umgehen. Die „Antworten“ können am Ende nicht allein die Wissenschaftler*innen generieren, sondern das müssen mehrere Kräfte in der Gesellschaft erledigen. Diese „Antworten“ schlagen sich nieder in den Richtlinien, die die Politik produziert, und damit befinden wir uns in einem Feld, das sich durch die Vielfalt der zu lösenden Probleme, Interessen und Ansichten, durch Beweglichkeit und Kompromisshaftigkeit auszeichnet. Selbst wenn der Druck auf dem Kessel so hoch ist wie bei einer akuten Pandemielage wird nichts Fertiges daraus.

Ich glaube weiterhin, dass wir akzeptieren müssen, dass sich wissenschaftliche Erkenntnisse nicht ohne weiteres in politisches Handeln übertragen lassen – nur jetzt (im Vergleich zum Januar 2020, als ich schon mal über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik räsonnierte), ist dies nicht nur unbefriedigend, sondern schmerzhaft angesichts des Leids, das die Pandemie verursacht. Das Streben nach einer evidenzbasierten Politik ist richtig, aber Forderungen können auch dann richtig sein, wenn sie nicht ohne weiteres umzusetzen sind. Dass das Ideal nicht erreicht wird, ist ein Grund für Ungeduld, aber wir müssen aufpassen, dass die Genervtheit sachliche Debatten im allgemeinen und wissenschaftliche Diskussionen im besonderen nicht verunmöglicht. Es ist angesichts der aktuellen bzw. akuten Lage auch von Überforderung zu sprechen (und mit Überforderten muss man eigentlich nachsichtig sein). Die Frage ist ja, warum Entscheidungsträger*innen weniger überfordert sein sollen als andere Menschen. Das von ihnen zu verlangen, ist meines Erachtens falsch und unproduktiv.

An dieser Stelle breche ich ab, weil diese Erörterungen sowieso zu keinem Ende führen können (vielleicht hat die Lektüre ja zur Reduzierung physischer Kontakte beigetragen). Runder wird die Sache leider nicht! Ich habe ja nicht behauptet, schlauer als im Januar 2020 zu sein. Die Gesellschaft ist es, glaube ich, in der Zwischenzeit auch nicht geworden. Wir wissen mittlerweile nur etwas mehr über ein gewisses Virus, das sicherlich nicht zur Gelassenheit berechtigt. Aber mit Erregtheit in der Debatte kommt man ihm mit Sicherheit auch nicht bei. Die Überforderungen, die sich im Streit über die Rolle der Wissenschaft in der Pandemielage zeigen, ähneln strukturell den Überforderungen, die in der Homöopathie-Debatte deutlich geworden sind, nur die Dramatik ist eine andere. Die Wissenschaft aber sollte gegen das Virus eine Waffe, im Diskurs aber eben keine Waffe, sondern eine Stütze sein, was aber auch bedeutet, dass die Vorstellung, mit ihr alle Probleme erschlagen zu können, etwas zu einfach ist. Wer aber nur irgend kann, sollte sich auf das Wesentliche konzentrieren und das Geschrei geduldig übergehen.

Ein Gedanke zu „Wissenschaft und Politik – Nachtrag“

  1. Hallo Achim,

    evtl wäre die Fragestellung nach der angemessene Rolle von Wisshenschaftler*innen und Politiker*innen in der Öffentlichkeit in diesem Kontext zielführend, wenn deren Kompetenzen doch eindeutig verschieden sind.
    Hintergedanke: Warum haben es Politiker*innen nötig Wisenschaftler*innen um öffentliche Statements zu bitten? Meiner Meinung nach um die Akzeptanz für einen Beschluss zu erhöhen auf Grund eigener unzureichender Glaubwürdigkeit.
    Und ist es nicht die Aufgabe des Verwaltungsapperates wissenschaftliche Erkenntnisse in Beschlussempfehlungen der Politik einfließen zu lassen, die diese Beschlüsse dann glaubwürdig vertreten kann?
    Ich weis, dass in anderen Zusammenhängen und zu anderen Themen eine solche Strategie der Kommunikation bewusst verwendet wird, um die Deutungshoheit und die Lenkung des öffentlichen Diskurses nicht zu verlieren.

    Und noch etwas:
    Ich bin bei der Aussag deines letzten Satzes andere meinung. Die normative Kraft des Faktischen ist meiner Meinung nach nicht ausreichend, wenn die Fakten ignoriert werden und dadurch bleiben Schäden entstehen.

    Viele Grüße

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