Wissenschaft und Politik

Im letzten Jahr wurde auf der Bundesdelegiertenkonferenz von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ein Beschluss über die Frage vertagt, wie die Partei zur Homöopathie (bzw. ihrer Finanzierung) stehe. So ein Vorgehen kann gerechtfertigt sein, ist aber natürlich notwendigerweise trotzdem unbefriedigend.

Beschlossen wurde die Bildung einer Kommission, die gesundheitspolitische Fragen im Rahmen des Grundsatzprogrammprozesses erörtern soll. Ich will nicht „Wenn du mal nicht weiterweißt…“ kalauern, aber doch mein Unbehagen angesichts von Fragestellungen wie „In welchem Spannungsverhältnis stehen evidenzbasierte Wissenschaft und ein ganzheitlicher Gesundheitsbegriff?“ oder „Wie definieren wir den Wissenschaftsbegriff in der Medizin?“ zum Ausdruck bringen. Insbesondere wenn man ernsthaft den Wissenschaftsbegriff in einem Grundsatzprogramm definieren möchte – das geht schon los damit, dass ich mich frage, ob man einen Wissenschaftsbegriff in der Medizin von anderen Wissenschaftsbegriffen in anderen Disziplinen unterscheiden kann bzw. wohin dieser Versuch ganz grundsätzlich führen kann. Sollte Politik wirklich einen oder mehrere Begriffe von Wissenschaft „definieren“?

Luhmann hat mich früher wahnsinnig gemacht. Gesellschaft war bei ihm in Teilsysteme aufgeteilt, die irgendwie nicht wirklich was miteinander zu tun hatten. Wenn man wissen wollte, was man tun soll, war die Antwort bei ihm „beobachten“, ggf. sogar „genauer beobachten“ – irgendwie hatte ich eine „politischere“ Erwartungshaltung gegenüber der Soziologie, aber die Anhänger*innen der Systemtheorie genossen womöglich deren wissenschaftliche Reinheit, die politisch nicht kontaminiert war. So ungefähr war mein Blick auf diesen Komplex. Bei Luhmann lernte man, die gesellschaftlichen Teilsysteme strikt voneinander zu trennen, weil jedes Teilsystem sich durch eine binäre Codierung bzw. eine Leitdifferenz, die jeweils einen positiven und einen negativen Wert beinhaltete, auszeichnete. Bei der Politik waren dies „Macht“ und „keine Macht“ und bei der Wissenschaft war dies „wahr“ und „nicht wahr“. Oder anders gesagt: In der Politik geht es um Macht, in der Wissenschaft geht es um Erkenntnis – und beides hat miteinander erst mal nichts zu tun. Wie erfrischend, wenn man sich von wissenschaftlich gebenden Weltanschauungen, die sich als bloße Ideologien entpuppt hatten, lösen wollte! Gegen Ende des 20. Jahrhunderts war das noch populär. Ich bitte übrigens um Verzeihung für die Verkürzung eines gewaltigen und durchaus mehrstöckigen Theoriegebäudes.

Was will man in der Praxis denn von einem Theoretiker erwarten, der „Dinge“ als „Beschränkungen von Kombinationsmöglichkeiten in der Sachdimension“ [1] definiert hat? Nun, an die Leitdifferenzen musste ich mal denken, als ich als Fraktionsmitarbeiter die Arbeit einer Enquete-Kommission des Sächsischen Landtags begleiten durfte. In Enquete-Kommissionen sitzen Politiker*innen und Expert*innen – diese sind vorwiegend Wissenschaftler*innen – zusammen, um einen Bericht (mit Handlungsempfehlungen) zu einer größeren Problematik zu erarbeiten. In der besagten Enquete-Kommission wurden die Kapitel des Berichts nacheinander fertig. Nach einiger Zeit stellten einige der Wissenschaftler*innen fest, dass ein Kapitel ergänzt werden müsse, weil mittlerweile neue Erkenntnisse über das dort behandelte Thema vorlägen. Ein (recht bekannter) Politiker (der stärksten Fraktion) meinte jedoch, das ginge nicht, weil man dieses Kapitel doch bereits abgestimmt habe (das hatte man tatsächlich, so richtig mit Hand heben und so). Ich bilde mir ein, in dem Moment, als ich den Anblick des ungläubigen Ausdrucks in den Gesichtern der Wissenschaftler*innen genoss, an Luhmann gedacht zu haben – aber da kann mich die Erinnerung durchaus trügen, denn ich weiß nicht einmal mehr, was aus dem betreffenden Kapitel am Ende geworden ist. Die Sorgen des Politikers waren jedenfalls völlig andere als die der Wissenschaftler*innen, die befürchteten, als Co-Autor*innen mit einem Werk in Verbindung gebracht zu werden, das den aktuellen Forschungsstand nicht berücksichtigte. Ein anderes Problem war dann noch die Erkenntnis, dass die Wissenschaftler*innen sich nicht immer an die Zwänge der Fraktionen, die sie als Kommissionsmitglieder benannt hatten, hielten, aber das konnte man in späteren Enquete-Kommissionen lösen, indem man den Expert*innen das Stimmrecht nahm und besagtes Abstimmen wieder zur reinen Politikerangelegenheit werden durfte. Systemtheoretisch vielleicht ganz gut gelöst – es wird nicht mehr versucht, Wissenschaft mit Politik zu vermengen, sondern Wissenschaft wird zur Umwelt der Politik, die durch Wissenschaft irritiert werden kann, aber ganz grundsätzlich die Entscheidungsgewalt behält.

Mittlerweile werden aber andere Ansprüche an die Politik gestellt, und zwar durch Menschen, die a) einem traditionelleren Verständnis von Aufklärung zu folgen scheinen und b) mit Unverständnis auf die Verständnislosigkeit der Politik reagieren. Es handelt sich hierbei insbesondere um junge Menschen, die so manchen postmodernen Relativierungsquatsch nicht mehr kennen können und daher kein Problem damit haben, davon auszugehen, dass Wissenschaft handfeste Ergebnisse hervorbringen kann, bei denen es besser ist, sich an sie zu halten statt sie zu ignorieren. Und wenn die Wissenschaft beispielsweise sagt, dass Kohlendioxidemissionen ab einer gewissen Höhe auf Dauer ein erträgliches menschliches Leben auf dem Planeten unmöglich machen werden, dann sollte man damit beginnen, diese zu reduzieren.

Nun liegt es in der Natur der Wissenschaft, dass sie nicht dazu neigt, endgültige Wahrheiten zu verkünden, sondern immer nur vorläufige Aussagen trifft, die nur so lange gelten, wie sie nicht falsifiziert sind. Bei komplexen Sachverhalten gibt es auch unterschiedliche Sichtweisen und der Zweifel ist ein notwendiges Element wissenschaftlichen Diskurses. Die Leugner*innen des menschengemachten Klimawandels beispielsweise machen sich dies zunutze; sie ziehen aus der Offenheit des wissenschaftlichen Diskurses den Schluss, dass „nichts bewiesen“ sei. Wissenschaftler*innen sind vorsichtige Menschen; Populist*innen hingegen sind rücksichtslos. Wissenschaftler*innen erzielen Konsense – Konsense können sich bekanntermaßen wieder ändern. Allerdings scheint der wissenschaftliche Konsens zum anthropogenen Klimawandel sich eher zu verstärken. Also sagen wir mal: Hören wir besser darauf! Zumal die Wahrheit, um die es hier geht, eine unangenehme ist, während der Zweifel der Leugner*innen eigentlich ein Strohhalm ist, an den sie sich klammern.

Wissenschaft hat aber auch die unbequeme Eigenschaft, sich in ihrer Annäherung an die Tatsachen vom Alltagsverstand zu unterscheiden. Welcher „normale Mensch“ würde schon Dinge als „Beschränkungen von Kombinationsmöglichkeiten in der Sachdimension“ (siehe oben) beschreiben? Ist so etwas wie Quantenmechanik mit dem „gesunden Menschenverstand“ noch kompatibel? Wissenschaft erfordert manchmal ja geradezu ihre eigenen Sprachen – man versteht sie also nicht ohne weiteres, sondern sie verstehen zu können, kann sehr voraussetzungsreich sein. Eine Voraussetzung ist in der Regel schon mal ein Studium. Ein Studium dient nicht nur dem Informationserwerb, sondern oft auch dem Einnehmen von anderen Perspektiven als den bisher gewohnten. Wer studiert, erwirbt sich einen Blick auf Tatsachen, den diejenigen, die das betreffende Studium nicht absolviert haben, schwerlich haben können (damit habe ich übrigens nichts über Institutionen des Studiums gesagt!). Ich weiß beispielsweise nur sehr bedingt, was Physiker*innen machen, und das meiste davon verstehe ich mit Sicherheit nicht (vielleicht könnte ich mit ein bisschen Bemühen halbwegs verstehen, was Physiker, die schon sehr lange tot sind, gemacht haben). Ich habe also bestenfalls eine von anderen vermittelte Übersicht über den jeweiligen fachlichen Konsens.

Wenn ich aber als ein Nur-ungefähr-Verstehender wissenschaftliche Erkenntnis nutzbar machen möchte, verhalte ich mich nur dann „wissenschaftlich“, wenn ich Unsicherheiten bzw. Nicht-Gewissheiten zugebe. Durchsetzen zu wollen, eine bestimmte Sichtweise als handlungsleitend festzulegen, wäre hingegen ein „politisches“ Verhalten, denn das ist eindeutig eine Machtfrage. Ich behaupte also an dieser Stelle wieder das Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik. Ich gehe davon aus, dass es zwei verschiedene Leitfragen bei Wissenschaft und Politik gibt – bei ersterer lautet sie: „Was wissen wir?“ Bei letzterer: „Was wollen wir?“ So, und jetzt folgen zwei Behauptungen:

1) Es ist normal, wenn auf einem Parteitag darüber entschieden wird, was die Partei als gute Politik betrachtet.

2) Es wäre aber mindestens merkwürdig, wenn auf einem Parteitag darüber entschieden würde, was die Partei als Wissenschaft bzw. als Wissenschaftlichkeit gelten lässt.

Letzteres allein schon deshalb, weil die Teilnehmer*innen des Parteitages höchstwahrscheinlich nicht allesamt Wissenschaftler*innen wären (die Möglichkeit, dass sie es alle doch wären, wäre übrigens noch merkwürdiger). Man würde das zu recht als vermessen erachten. Nun gibt es aber das Problem, dass Politik eigentlich immer Fachpolitik ist, und politische Beschlüsse sind in der Regel fachpolitische Beschlüsse. Das bedeutet, dass auch „Fachlichkeit“ eine Rolle spielen sollte, also die Berücksichtigung von Fachwissen. Eine der vielen Fachpolitiken ist z. B. die Gesundheitspolitik, und das Wissen über das Fach, auf das diese sich bezieht, schöpft die Menschheit aus der medizinischen Praxis bzw. aus den dieser zugrundeliegenden Wissenschaften. Und jetzt wird es natürlich problematisch.

Als Ziel guter Gesundheitspolitik würde ich beschreiben, dass die Menschen Zugang zu dem haben, was ihre Gesundheit erhält oder (so weit wie möglich) wiederherstellt. Das kann alles Mögliche sein, unter anderem Mittel (Substanzen, Präparate usw.). Und bei diesen Mitteln ist selbstverständlich von entscheidender Bedeutung, dass sie wirken. Wenn ich jetzt als Laie versuche, mich zu informieren, gewinne ich den Eindruck, dass beim Thema „Homöopathie“ der wissenschaftliche Konsens darin besteht, dass diese nicht wirke. Das gefällt mir insofern, als dass es sich auch meinem Alltagsverstand nicht erschließt, wie Homöopathie wirken könnte. Aber das ist eben auch nur mein Alltagsverstand! Ich muss also ganz demütig sagen, dass ich das „Simile-Prinzip“ nicht verstehe, und schon gar nicht, wie durch eine „Potenzierung“ genannte Verdünnung, die den Wirkstoff schließlich aus dem zu verabreichenden Medikament entfernt, dieser zur Wirkung gebracht werden kann. Und was den Konsens angeht, so gilt natürlich auch hier, dass Falsifizierung nie ausgeschlossen werden darf, wenn man wissenschaftlich bleiben will. Was nichts daran ändert, dass wir jeweils nie etwas Besseres als den aktuellen Konsens haben können – und der scheint bei diesem Thema ja auch schon recht lange zu halten. Für Anhänger*innen der Homöopathie (und anderer „alternativmedizinischer“ Ansätze ist das freilich nur die verpönte „Schulmedizin“ – sie selbst müssen sich dafür als „Esoteriker*innen“ beschimpfen lassen.

Dass es bei Pharmazie und Homöopathie auch darum geht, etwas zu verkaufen, ist klar, erklärt aber nicht gänzlich die Heftigkeit der wechselseitigen Angriffe zwischen den Lagern. Es geht auch um Weltanschauungen und damit um Orientierung in einem umfassenden Sinne. Da kann man schon mal mehr als irritiert reagieren, wenn das eigene Verständnis von sich und der Welt von anderen de facto infrage gestellt wird, indem sie irgendwelchen fundamentalen Blödsinn verzapfen. Nur wirkt es nicht sonderlich souverän, wenn man sich als „aufgeklärter“ Mensch durch unaufgeklärtes Denken tödlich beleidigt fühlt.

Mein Alltagsverstand sagt mir, dass, wenn klar geworden ist, dass etwas nicht funktioniert, man auch nicht weiter untersuchen muss, ob es nicht doch funktionieren könnte. Aber das unterscheidet den Alltags- vom wissenschaftlichen Verstand (siehe oben). Deshalb verstehe ich den Furor vieler Homöopathie-Kritiker*innen, mit dem sie auf einen aktuellen Beschluss des Bayerischen Landtags reagieren, nicht so recht. Der Beschluss lautet wie folgt – und ich denke, es ist mal gut, zu zeigen, wie kurz er ist: „Die Staatsregierung wird aufgefordert, durch eine Studie zu untersuchen bzw. untersuchen zu lassen, wie ein reduzierter Antibiotikaeinsatz im medizinischen Bereich realisiert werden kann. Dabei soll auch und insbesondere die Rolle alternativmedizinischer Methoden in den Blick genommen werden. Auch soll in diesem Zusammenhang eine mögliche positive Rolle von ggf. ergänzend verabreichten homöopathischen Präparaten betrachtet werden.“

Im Wesentlichen geht es darum, zu untersuchen, wie der Einsatz von Antibiotika in der Medizin reduziert werden kann. Das ist ja wohl (ohne hier auf die Gründe näher einzugehen) ein sinnvolles Anliegen. Dann heißt es, dass die Rolle alternativmedizinischer Methoden in den Blick genommen werden soll – ich finde, das ist auch noch eine recht offene Fragestellung. Schließlich soll eine „mögliche“ (!) positive Rolle von homöopathischen Präparaten betrachtet werden. Da könnte ich als Homöopathie-Kritiker ja sagen, dass da sowieso nichts bei herauskommt und man sich die Studie sparen könne. Die Heftigkeit der Reaktionen scheint sich für mich aber nicht aus den falsch investierten Kosten herzuleiten. Eine wissenschaftliche Haltung wäre die, zu sagen: Okay, dann haben wir demnächst eine Studie mehr, und die wird den Konsens verstärken, wenn das dabei herauskommt, was wir vermuten, nämlich die Wirkungslosigkeit homöopathischer Mittel. Ist doch schön! Und wenn etwas anderes dabei herauskommt (die Validität der Studie mal vorausgesetzt), dann haben wir eine Falsifizierung eines bestehenden Konsenses und damit einen wissenschaftlichen Fortschritt. Und das wäre doch auch sehr schön! Aber nein: Es heißt vielmehr, dass dieser Auftrag völlig unverantwortlich sei usw. usf. Muss das sein? Es tut mir leid, aber die Erstellung einer Studie grundsätzlich abzulehnen, erinnert mich dann doch an die Gelehrten, die nicht durch das Fernrohr blicken wollen (Bertolt Brecht, Leben des Galilei, 4. Bild).

Ich denke, dass man Wissenschaft zulassen sollte, um faktenbasierte Entscheidungen treffen zu können (der Terminus der „Evidenzbasiertheit“ scheint mir übrigens besser in den Kontext der Medizin als in den der Politik zu passen). Und mehr erwarte ich von Politik auch gar nicht. Was ich von ihr überhaupt nicht erwarte, sind epistemologische Debatten; ich glaube, damit vergaloppierte sie sich.

Mit der bereits erwähnten gebotenen Vorsicht, können wir von der Wissenschaft erwarten, zu ermitteln, was WAHR ist. Damit hat sie dann noch lange nicht entschieden, was RICHTIG ist. Diese Festlegung kann aber die Politik treffen. Bei beiden gesellschaftlichen Teilsystemen ist freilich auch immer mit der Möglichkeit zu rechnen, dass sie ihre Ergebnisse revidieren! Bei Castoriadis [2] habe ich mal gelesen, dass die Gesetze der alten Athener immer mit der Formel „es erschien Rat und Volk gut, dass…“ begannen. Ich finde das fast zu schön, um wahr zu sein! Diese Formulierung, die auch ein Ausdruck von Autonomie ist, ist sehr politisch statt pseudowissenschaftlich (oder pseudophilosophisch oder pseudoreligiös). Der politische Wille wird hier nicht hinter einer „Wahrheit“ versteckt. Von den alten Griechen können wir wohl doch noch eine Menge lernen…

In unseren Tagen hören wir sehr viel darüber, dass Demokratie was mit Souveränität zu tun hat und unsere aktuelle gesellschaftliche Krise sich aus dem Gefühl des Souveränitätsverlustes in Teilen unserer Gesellschaft herleitet. Man könnte lang und breit erörtern, wie faktenbasiert dieses Gefühl tatsächlich ist (um etwas verloren haben zu können, muss man es ja zuvor erst einmal gehabt haben usw.), aber dass Wissenschaft geeignet sein kann, bei Menschen das Gefühl des Beleidigtwerdens auszulösen, ist ja bekannt, seit Freud die „Kränkungen der Menschheit“ beschrieben hat. Nachdem man den Menschen Erkenntnisse zugemutet hat wie die, nicht im Mittelpunkt des Universums zu stehen, vom Affen abzustammen und vom Unbewussten beeinflusst zu sein, sind jetzt die vermeintlichen Grundlagen ihres Wohlstands an der Reihe. Und wohl auch deshalb sind manche Reaktionen auf die jungen Menschen mit ihrem alten Aufklärungsverständnis so ekelhaft. All‘ jenen, die die Fahne der Faktenbasiertheit hochhalten, möchte ich aber zur Sensibilität für die Paradoxie raten, dass das, was sie als Grundlage souveränen Entscheidens ansehen, von anderen als Angriff auf ihre Souveränität empfunden wird. Damit muss man umgehen, wenn man statt nur recht zu haben, auch gesellschaftliche Debatten gewinnen will.

Die Gebildeten unter ihren Verächtern werfen Greta Thunberg „Szientismus“ vor, wenn sie „Unite behind the science“ fordert. Ja, man könnte ihr in der Tat raten, das „unite behind“ durch ein „listen to“ zu ersetzen, damit der Eindruck der Frontstellung und damit die Neigung zur Abwehrhaltung gemildert wird, aber „Szientismus“ ist ihre Haltung trotzdem nicht. Nichts ist daran falsch, zu fordern, die Erkenntnisse der Wissenschaft zur Kenntnis zu nehmen. „Szientistisch“ wäre der Irrglaube, gesellschaftliche Tatsachen mit naturwissenschaftlichen Methoden hinreichend beschreiben zu können (bspw. die Wirtschaft mit mathematischen Modellen – die kann man selbstverständlich anwenden, sollte aber ihre Erklärungsreichweite realistisch einschätzen), und die Forderung, dass die Wissenschaft die Gesellschaft steuern solle, so dass kein Raum mehr für demokratische Aushandlungsprozesse bliebe. Das kann ich hier aber nicht erkennen. Die Kenntnisnahme geht immer noch dem Aushandlungsprozess voraus – und dass demokratische Entscheidungen zwingend gute Entscheidungen sind, hat ja wohl niemand behauptet. „Es erschien Rat und Volk gut, dass die Lebensgrundlagen der künftigen Generationen zerstört werden“, hätten die alten Athener vielleicht gesagt, wenn sie wir gewesen wären.

Mir geht es darum, dass die Wissenschaft die Chance erhält, in gesellschaftlichen Debatten eine Rolle zu spielen, und dass die Vertreter*innen der Faktenbasiertheit nicht den Fehler machen, Debatten unmöglich zu machen, indem man Menschen, die sich nicht durch eine „wissenschaftliche Weltanschauung“ auszeichnen, von jeglicher Debatte ausschließt. Manchmal scheitert der Austausch schon an ganz banaler Arroganz. Dass unsere Demokratie keine Gelehrtenrepublik ist und das auch ganz in Ordnung so ist, sollte man auch erst einmal akzeptieren, wenn man an ihr aktiv teilhaben will. Die Homöopathie-Debatte birgt das Risiko, Abwehrreflexe gegen die Wissenschaftlichkeit zu verursachen, die dem Anliegen der Faktenbasiertheit politischen Handelns schaden könnten. Wer Mehrheiten gewinnen will, sollte beachten, dass man Menschen nicht überzeugt, indem man ihnen als Erstes erklärt, dass sie doof sind. Der Esoterik-Vorwurf scheint mir ein Beispiel für diese falsche „Strategie“ zu sein.

Leider wird man sich in der politischen Frage nach der Finanzierung homöopathischer Leistungen aus Mitteln der gesetzlichen Krankenversicherung für einen Ansatz entscheiden müssen. Ich halte den Ansatz, den wissenschaftlichen Konsens zur Grundlage zu erklären (und zwar in dem Bewusstsein, dass so ein Konsens keine „ewige Wahrheit“ ist!), für den richtigen. Den aus anderen Quellen gespeisten „Wunsch“ von Patient*innen halte ich nicht für ausreichend. Aber da wird man sich entscheiden müssen, auch wenn keine Einigkeit hergestellt werden kann! Leider habe ich den Verdacht, dass eine bekannte Frontstellung lediglich reproduziert wird, wenn über das „Spannungsverhältnis“, in dem „evidenzbasierte Wissenschaft“ (gibt es eigentlich eine nicht-evidenzbasierte Wissenschaft?) und ein „ganzheitlicher Gesundheitsbegriff“ stehen sollen, diskutiert wird. Was sind denn die Pole, zwischen denen diese Spannung erzeugt wird? Ist die Wissenschaftlichkeit der Gegensatz zur Ganzheitlichkeit? Oder die Evidenz? Ich kann mir nicht vorstellen, dass „Ganzheitlichkeit“ überhaupt erreicht werden kann, wenn die Ratio wissenschaftsgestützter Behandlungsmethoden als Gegensatz zu ihr verstanden wird. Und dass es mehr als dieser Ratio bedarf, um heilen zu können, ist für mich auch kein Argument gegen die Wissenschaft. Dass die Wissenschaft allein nicht ausreicht, heißt noch lange nicht, dass sie ungenügend ist! Aus diesem Missverständnis folgt die Annahme eines falschen Gegensatzes – und von diesem falschen Gegensatz scheint mir der Arbeitsauftrag der Bundesdelegiertenkonferenz auszugehen.

Ob dabei mehr als der Austausch der bekannten Positionen herauskommt, bleibt nun abzuwarten. Aber in dieser Hinsicht bin ich auch gelassen. Wenn ich es nicht ausschließe, dass auch beim Vorliegen von 1111 Studien, die alle zum selben Ergebnis kommen, auch eine 1112. Studie legitim sein kann, und wenn ich meine, dass man des öfteren durch Galileos Fernglas blicken darf, sollte ich es auch nicht ausschließen, dass wir in dieser Diskussion durch neue Erkenntnisse überrascht werden. Diese Möglichkeit nicht auszuschließen, ist vielleicht eine „wissenschaftliche“ Einstellung. Ich hoffe es jedenfalls.

Zitate:

[1] Niklas Luhmann, Soziale Systeme, Grundriß einer allgemeinen Theorie, 5. Aufl., Frankfurt am Main 1994, S. 115.

[2] Cornelius Castoriadis, Das griechische und das moderne politische Imaginäre, in: Ders., Philosophie, Demokratie, Poiesis. Ausgewählte Schriften, Band 4, Lich 2011, S. 93-121, hier S. 102.

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